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Die Mahnung 52/6  1. Juni 2005

 

Bündnis der Vernunft gegen Gewalt und Ausländerfeindlichkeit verleiht "Band für Mut und Verständigung 2004"

 

Am 27. April 2005 wurde das "Band für Mut und Verständigung 2004" im Berliner Rathaus an zwei Brandenburgerinnen für ihr couragiertes Eingreifen zur Verhinderung eines fremdenfeindlich motivierten Mordes und einer Brandenburger Schülergruppe für ihren Einsatz für Verständigung im Rahmen einer Schulpartnerschaft mit dem Senegal verliehen. Die Auswahl der Preisträger zeigt, dass gerade in Brandenburg Integration noch nicht im Alltag angekommen ist. So stellte Günter Piening, Beauftragter des Senats von Berlin für Integration und Migration, in seinem Grußwort fest: "Mut und Verständigung sind zentrale Werte in einer Zivilgesellschaft. Diese Werte sind zwar äußerst gewünscht, aber sie sind nicht selbstverständlich… Und der Umstand Preise und Urkunden für etwas zu verleihen und damit ein Tun oder Verhalten herauszuheben, das eigentlich "normal" sein sollte, stimmt in jedem Jahr erneut nachdenklich". Wie jedes Jahr ging die Auszeichnung an Menschen, die im vergangenen Jahr durch ihr Tun Mut bewiesen oder sich ehrenamtlich für die Verständigung zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft eingesetzt haben. Mit der inzwischen 12. Verleihung des Preises leistet das Bündnis eine nachhaltige Arbeit auf dem Bereich der gesellschaftlichen Integration und Akzeptanz von Ausländern in Berlin und Brandenburg, die nach wie vor von großer Bedeutung ist, da sie ein deutliches Zeichen auch für die politische Anerkennung des persönlichen Engagements setzt.

Die Senatorin für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz Dr. Heidi Knake-Werner über­reichte in Vertretung des kurzfristig verhinderten Gastgebers, des Regierenden Bürger­meisters von Berlin Klaus Wowereit die Preise. Sie stellte dabei fest, dass der Rechtsextremis­mus ein Problem sei, das vor Landesgrenzen nicht halt mache. Die beiden Preisträgerinnen der Kategorie Mut, Nicole Lüdeking und Jana Böttner, hatten nach einem Discobesuch in Brandenburg einem Kenianer das Leben gerettet, der von einem Mann mit einer abgebro­che­nen Flasche angegriffen und schwer verletzt worden war. Sie hatten – im Gegensatz zu einem Anwohner, der nur seine Nachtruhe einforderte, nicht nur die Polizei gerufen, sondern hatten sich den Angreifern auch in den Weg gestellt, um den mord zu verhindern. Der Täter erhielt viereinhalb Jahre Haft, die beiden Frauen erfuhren aber nicht nur Zustimmung, sondern bekamen durchaus auch Drohungen und Beschimpfungen zu hören. Nicht zuletzt dies zeigt, dass die Auszeichnung derartiger Taten und die öffentliche politische Bestätigung von erheb­licher Bedeutung für eine tolerante und menschenfreundliche Gesell­schaft sind. Jana Böttner ist wie der Täter Angehörige der Bundeswehr. Als Soldatin auf Zeit wurde sie nach dem Vorfall förmlich ausgezeichnet. Der Kommadeuer ihres Bataillons bezeichnete ihr Handeln als "beispielgebend für alle Soldaten des Bataillons" – dazu erhielt sie sieben Tage Sonder­urlaub. Sie stellte fest, dass es schlimm sei, für eine solche Tat ausge­zeichnet zu werden, die ja eigentlich selbstverständlich sei – denn sie selbst hätte ja auch erwartet, dass jemand die Polizei geholt hätte, wenn sie sich in so einer Situation befunden hätte. Nicole Lüdeking stellte fest, dass mitmenschliches Handeln derzeit nicht mehr selbstverständlich sei. Ihre Devise sei, andere so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte.

Dass es notwendig sei, etwas für die Gesellschaft zu tun, in der momentan Kälte und Egoismus um sich greifen, betonte Dr. Sabine Bergmann-Pohl, Präsidentin des DRK Landesverbandes Berliner Rotes Kreuz. Als beängstigend bezeichnete sie die Brandanschläge gegen Imbissbuden von Migranten im Land Brandenburg: "Die Täter unternehmen damit den Versuch, Migranten systematisch aus ihren Wohn- und Arbeitsregionen zu vertreiben". Dass in Deutschland mangelnde Bereitschaft zur Integration von Immigranten herrsche habe sie in persönlichen Gesprächen mit Betroffenen erfahren. Daher sei auch die Arbeit der für Verständigung ausgezeichneten „AG Senegal“ des Gymnasiums auf den Seelower Höhen eine erwähnenswerte Initiative. Abschließend wies sie auf das Edikt des Großen Kurfürsten hin, der den Hugenotten die Ansiedlung in Berlin-Brandenburg ermöglicht und der Region damit zu einem erheblichen kulturellen und wirtschaftlichen Aufschwung verholfen hatte. Sie zitierte Stephan I., den ersten König der Ungarn (975-1038), sodann folgendermaßen: "Ein Land mit nur einer Sprache und einer Sitte ist schwach und gebrechlich. Darum ehre die Fremden und hole sie ins Land". Diese Politik hat Deutschland lange Jahre sehr erfolgreich betrieben. Es ist jetzt an der Zeit, dieses Bewusstsein auch in einer breiteren Masse des Volks zu verankern. Dafür wird ein breites Bündnis gegen Ausländerfeindlichkeit wohl leider noch einige Zeit eine sehr wichtige Voraussetzung sein.

Dem Bündnis der Vernunft gegen Gewalt und Ausländerfeindlichkeit gehören an: Der Ministerpräsident von Brandenburg, Matthias Platzeck; Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit; Die Ausländerbeauftragte des Landes Brandenburg, Der Beauftragte des Senats von Berlin für Integration und Migration, Arbeiterwohlfahrt Landesverbände Berlin und Brandenburg; Caritasverband für das Bistum Berlin; DGB Bezirk Berlin-Brandenburg; Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband; Deutsches Rotes Kreuz, Landesverbände Berlin und Brandenburg; Diakonisches Werk Berlin-Brandenburg; Evangelische Kirche; Katholische Kirche; Jüdische Gemeinde zu Berlin; Landessportbund Berlin; Flüchtlingsrat Berlin.

 

Nikoline Hansen