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Die Mahnung 52/6  1. Juni 2005

 

Dan Bar-On

Erzähl dein Leben!

Meine Wege zur Dialogarbeit und politischen Verständigung

 

Auch wenn man auf vielen Seiten auf Bekanntes stößt – "Erzähl dein Leben!" bringt es in einen neuen Zusammenhang, zumal durch die Aufforderung, die Dan Bar-On auch an sich selbst gerichtet, wenn auch nur bruchstückhaft eingelöst hat. Leider fällt auch an vielen Stellen überhaupt nicht auf, dass das Buch lektoriert wurde; teilweise erschweren Grammatikfehler oder zweideutige Übersetzungen das Ver­ständnis. Trotzdem lohnt sich die Lektüre, weil sie erstmals Zusammen­hänge erkennen lässt, die der Autor erst im Laufe seiner Erfahrungen mit den unterschied­lichsten Gruppen gesammelt hat, mit denen er auf gesprächstherapeutischer Basis gearbeitet hat. Dass es einen Bogen gibt zeigt nur einmal mehr, dass eben doch kaum etwas dem Zufall überlassen bleibt, und so ist auch der für die Wissens­chaft sehr erfrischende Ansatz zu verstehen, erst aus der Praxis die Theorie zu entwickeln – selbst wenn das, wie Bar-On schreibt, mit dem Risiko verbunden war, in der internationalen Forschung nicht anerkannt zu werden. Die dergestalt unkonventionell generierten Ergebnisse können sich sehen lassen, auch wenn sie im Einzelnen vielleicht debattierbar sind.

Das zentrale Thema in Bar-Ons Arbeit ist das der Verständigung zwischen unterschiedlichen ethni­schen beziehungsweise politischen Gruppen. Dabei sind zentrale Motive Schweigen und Erin­nerungs­ver­schiebung, die zu einer einseitigen Identitätskonstruktion führen können, zumal wenn diesen Symptomen hartnäckige Konflikte zugrunde liegen. Diese einseitigen Identitäts­kon­struk­tionen wiederum erhöhen das Konfliktpotential, da keine Basis für eine Verständigung mehr vorhanden ist. An diesem Punkt versucht Dan Bar-On, die Einseitigkeit aufzubrechen und die Parteien zu einem Dia­log zu veranlassen, dessen wichtigste Grundlage das Zuhören und damit dann auch Verständnis für die Situation des anderen ist. Dieser Prozess ist schwierig und kompli­ziert, und es erstaunt nur auf den ersten Blick, dass Bar-On sich in die Erforschung der israelisch-palästinensischen Probleme über den Umweg des deutsch-jüdischen Konflikts genähert hat. Denn dafür gibt er selbst einen psychosozialen Grund an: "Die jüdischen Teilnehmer fühlten sich wohler in der erklärten Rolle der Opfer und suchten dazu lieber die Nähe der Kinder der NS-Täter, da sie in dieser Situation … zu den "Guten" gehörten. Dies fiel erheblich leichter, als mit ihrer eigenen Täterrolle in Bezug auf die Palästinenser umgehen zu müssen, was bedeutet hätte, anzuerkennen, dass sie gleichzeitig auch zu den "Bösen" gehörten" (86/87). Nun mag die Verkürzung auf "gut", "böse", "Opfer" und "Täter" etwas oberflächlich scheinen, insbesondere, da sie hier eigentlich unzutreffend ist, allerdings zeigt sie die grundsätzlichen Muster auf, wie Verständigungsprozesse in Gruppen funktionieren und welche Barrieren es geben kann, sich auf die Ausführungen der anderen Seite einzulassen.

Die komplizierte Situation des israelisch-jüdisch-arabisch-palästinensischen Konflikts mit Dialog­therapie zu lösen kann sicher nicht funktionieren. Diese Arbeit ist nur ein kleiner Ansatz, um über­haupt Verständnis für die Komplexität der Problematik gewinnen zu können und einzelne Hindernisse aufzuzeigen. So muss auch die konkrete Arbeit in den Workshops mit israelischen und palästinen­si­schen Lehrern zwischen März 2002 und September 2003 bewertet werden, deren Durchführung viele Energie erforderte. Auf dem Forschungsergebnis aufbauend, "dass Lehrer mehr Macht über die Bildung von Verständigungsprozessen und Wertesystemen bei Kindern haben als das bloße geschriebene Wort" (106) wurde die tradierte Geschichte der "Balfour Deklaration" jeweils aus israelischer und palästinensischer Sicht erarbeitet, mit der konkreten Zielsetzung, diese Texte im Unterricht parallel zu verwenden. Das Ergebnis ist in höchstem Maße interessant und zeigt, wie weit der Weg noch ist, den beide Seiten gehen müssen, um einander überhaupt verstehen zu können.

 

Nikoline Hansen

 

Dan Bar-On

Erzähl dein Leben! Meine Wege zur Dialogarbeit und politischen Verständigung

Hamburg 2004: edition Körber-Stiftung, ISBN 3-89684-044-4, € 14,--

E-Mail: edition@koerber-stiftung.de  Internet: www.koerber-stiftung.de