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Die Mahnung 52/2    1. Februar 2005

Ruth Cidor-Citroën

Vom Bauhaus nach Jerusalem

Stationen eines jüdischen Lebens im 20. Jahrhundert

 

„Bleiben war unser sehnlichster Wunsch in dieser Zeit des Flüchtens. Wir wussten ja nicht, wohin es uns noch treiben würde“ steht auf dem Schutzumschlag von Ruth Cidor-Citroëns Lebenserinnerungen, erschienen als Band 14 der Bibliothek der Erinnerung im Berliner Metropol-Verlag. Da geht es dem Leser besser, denn er kennt das Ziel der Wanderschaft aus dem Titel des Buches. Und so erklärt sich auch der Doppelname: Aus Citroën wurde in Israel Cidor. Das besondere an diesen Erinnerungen ist, dass es sich zwar um eine emotional intensive Schilderung handelt, dass jedoch die Ausgrenzung aus der deutschen Gesellschaft und Verfolgung durch die Nationalsozialisten ohne Anklage oder Wertung geschildert wird, eben aus der Perspektive der Flüchtlinge. Da sich am Ende fast alles immer wieder zum Guten wendet, tritt die Dramatik des Flüchtlingsschicksals fast in den Hinter­grund: Die Tatsache, dass die sichere bürgerliche Existenz in Berlin von den Nationalsozialisten geraubt wurde, dass die Verfolgung über die Grenzen und Staatsangehörigkeit hinweg ging (Ruth Cidor-Citroën wurde durch ihre Heirat Holländerin, ihr Mann Hans war ein Neffe des Gründers der französischen Autofirma) – nur aufgrund ihres Glaubens, den sie nicht einmal praktizierte. Die holländische Staatsbürgerschaft erwies sich besonders in der Schweiz als Glücksfall, da die holländische Königin im Exil eine Bürgschaft für den Unterhalt ihrer Staatsbürger garantierte. Nach dem Krieg wurde allerdings ein erklecklicher Betrag von den Betroffenen zurückgefordert wurde – sicher nicht nur im Falle der Citroëns eine ungebührliche Härte.

 

Die Auswanderung nach Israel ist letztlich dem zionistischen Engagement der ältesten Tochter zu verdanken, die noch vor der Staatsgründung Israels illegal nach Palästina auswanderte und dort blieb, mit Ausnahme weniger Monate, die sie zur Geburt ihres ersten Kindes wieder bei den Eltern in der Schweiz verbrachte – für diese dann die erste Gelegenheit, den Schwiegersohn kennen zu lernen. Der Weg der gesamten Familie – auch die beiden jüngeren Kinder emigrierten noch vor den Eltern eigenständig nach Israel – führte von Berlin nach Frankreich, von dort in einer lebensgefährlichen Flucht über die Grenze in die Schweiz. An jeder neuen Station musste das Ehepaar eine neue Existenz aufbauen, die das Einkommen der Familie sicherte und den Kindern einen Schulbesuch ermöglichte – abgesehen von der Zeit im Schweizer Internierungs­lager, aus dem sie wegen Hans’ Engagements, der bereits 1943 ein Memorandum über die Flüchtlinge in der Schweiz und deren mögliche Rolle beim Wiederaufbau der von den Nationalsozialisten zerstörten Länder verfasste, schon 1944 nach Genf entlassen wurden, um die Durchführung dieser Pläne vorzubereiten.

 

Im Nachwort erfährt der Leser, dass es sich um eine Kurzfassung der 1997-2000 auf Deutsch niedergeschriebenen Erinnerungen handelt. Ihre Tochter hat sie für die Nachkommen ins Hebräische übersetzt. Die Autorin war, einer Einladung des Regierenden Bürgermeisters folgend 1978 noch einmal für eine Woche in Berlin, ein sehr emotionaler Besuch, da Berlin nicht nur die Stadt ihrer Kindheit war, sondern auch weil ihre Schwester Judith Auer im Oktober 1944 in Plötzensee hingerichtet wurde. Trotzdem lässt das Buch keinen Schmerz zu, da die Autorin auf ein erfülltes Leben zurück blickt. Und es ist gut, dass derartige Lebenserinnerungen nicht nur geschrieben, sondern auch veröffentlicht werden. Sie bieten einen wichtigen Beitrag zur deutschen Geschichtsschreibung und können zugleich über die Schilderung des persönlichen Schicksals einen Eindruck davon vermitteln, mit welchen Problemen Verfolgte während des NS-Regimes aufgrund ihrer Ausgrenzung aus der Gesellschaft konfrontiert wurden. Sie sind daher gerade auch für deutsche Leser wichtig, besonders im Hinblick auf unser Verständnis für das Selbstverständnis des Staates Israel.

 

Ruth Cidor-Citroën

Vom Bauhaus nach Jerusalem. Stationen eines jüdischen Lebens im 20. Jahrhundert

Bibliothek der Erinnerung Band 14

Berlin: Metropol 2004, ISBN 3-936411-39-5 € 19,--     

 

Nikoline Hansen