Die Mahnung 49/2 1. Februar 2002

 

Holocaust

Der nationalsozialistische Völkermord und die Motive seiner Erinnerung.

Eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin.

 

Unter dem sicher publikumswirksamen Schlagwort Holocaust zeigt das Deutsche Historische Museum in seinem Provisorium Kronprinzenpalais vom 17. Januar bis zum 19. April eine aus vielen unterschiedlichen Objekten zusammengestellte Ausstellung über den Holocaust, ohne sich diesem wirklich zu nähern. Dazu mögen verschiedene Gründe beitragen: die Zeit zur Vorbereitung einer solchen Ausstellung war dermaßen knapp, dass die Macher der Ausstellung zu bewundern sind – das was sie da auf die Beine gestellt haben ist eine einzigartige Sammlung von Leihgaben aus aller Welt. Das Konzept ist aus der Entstehungsgeschichte der Ausstellung ableitbar: der Gedanke entstand anlässlich der großen Berliner Demonstration gegen Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus am 9. November 2000. Die Ausstellung will also Zeichen setzen und sympathisiert mit den Opfern. Und verschiebt damit die Perspektive, die der Anlass – die Wiederkehr des 60. Jahrestages der Wannseekonferenz am 20. Januar 2002 – eigentlich gebieten würde. Das Unbe­queme, die Verbrecher und die Verbrechen, die die „Wehrmachtsausstellung“ thematisiert und die damit nicht nur massiven Angriffen ausgesetzt war sondern so in Verteidigungsnot geriet, dass sie in neuer Version den üblichen Umfang einer in wenigen Stunden zu bewältigenden Ausstellung sprengt – dieses Unbequeme wird ausgeblendet, obwohl es selbstverständlich im Subkontext vorhanden ist. Somit bleibt die Ausstellung wie ihr Titel plakativ. Sie erreicht das Publikum über zusammengetragene originale Objekte und Dokumente, zumeist solche die einen Bezug zu den Verfolgten und Vernichteten haben, auch wenn sie von den Verfolgern ausgestellt wurden. Zumal erscheint der europäische Kontext in einer neuen Dimension: Judensterne mit holländischer und französischer Beschriftung legen die Beteiligung dieser Staaten am Massenmord nahe und lassen die europäische Dimension in neuem Licht erscheinen. Auch hier ist der National­sozialismus zurückgenommen, reduziert in der Hauptsache auf den 9. November 1938 und die Wannsee­konferenz. Dass die nationalsozialistischen Verfolgungen über den rasseideologisch motivierten Völkermord hinaus gingen, zeigt lediglich ein kleiner Exkurs in das Euthanasieprogramm, das zwischen „Rassenschande“ und jüdischen Auswanderungsplänen fehlplatziert wirkt.

 

Die Ausstellung hat noch einen zweiten Schwerpunkt: den Umgang mit der Geschichte nach 1945. Im Vordergrund stehen die Nürnberger Prozesse –hier die personifizierten Täter, die einer – gerechten? - Strafe überführt werden (Schlagzeile der Berliner Zeitung: 12 Todesurteile in Nürnberg) und das zaghafte Wiederaufleben jüdischen Lebens in Deutschland sowie die Vorbereitungen zur Emigration. Entschädigung und die Probleme der Überlebenden, die in Deutschland geblieben waren sind nicht angemessen thematisiert. So ist der Zeitraum 1949-1958 treffend mit „Der Wunsch nach dem ‚Schlussstrich’“ betitelt. Der Teil der Ausstellung, der sich mit der Rezeption des Holocaust von 1945 bis heute auseinandersetzt ist relativ umfangreich, er geht auch besonders auf die verschiedenen Erinnerungsmotive der beiden deutschen Staaten ein. Hübsch wirkt der auf A 3 Größe reproduzierte Spendenaufruf für das „Denkmal für die Ermorde­ten Juden Europas“ mit der Überschrift „Den Holocaust hat es nie gegeben“. Ein Zeugnis dafür, dass wir auch in der jüngsten Geschichte noch keinen vernünftigen Weg gefunden haben, uns mit dem Thema auseinanderzusetzen.

 

Schön ist, dass die deutsche Perspektive durch die internationale ergänzt wird –wenn auch hier wieder leicht der Eindruck entstehen kann, dass ja auch andere betroffen sind – eben die Verbeugung vor der Perpektive, aus der heraus der Holocaust in Deutschland am liebsten dargestellt wird: aus der Perspektive der Opfer, die doch in Wirklichkeit eine kleine, eben zuvor noch ermordete Minderheit ist. Aber die Präsentationen der drei großen ausländischen Gedenkstätten – der von Auschwitz-Birkenau (Polen), der des US Holocaust Memorial Museums in Washington und von Yad Vashem (Israel) sind ausgesprochen interessant und zeigen Möglichkeiten auf, mit dem Unbegreiflichen umzugehen.

 

Die Ausstellung ist in Kooperation mit der Stiftung Topographie des Terrors, der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, dem Deutsch-Russischen Museum Karlshorst (hier eben der Blick auf den Vernichtungskrieg im Osten), der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen sowie den erwähnten ausländischen Museen und der Gedenkstätte Yad Vashem entstanden. Sie ist der Versuch, einen Überblick zu schaffen und zeigt deutlich die Schwierigkeiten auf, mit denen sich das zukünftige Dokumentationszentrum des „Denkmals für die ermordeten Juden Europas“ auseinandersetzen sollte.

 

Die Ausstellung wird ergänzt mit einem umfangreichen Begleitprogramm, im Internet unter http://www.dhm.de/ausstellungen/holocaust/programm.htm abzurufen. Ein Besuch ist in jedem Fall empfehlenswert, alleine wegen der Fülle originaler Dokumente und Objekte, die hier an einem Ort zu sehen sind und die aus aller Welt stammen. Sie dürfen weitgehend für sich sprechen, und das ist mal eine erfrischende Abwechslung in der deutschen Museums- und Ausstellungs­landschaft. Um nicht ganz aus dem Rahmen zu fallen werden in der Ausstellung ein Multivisionsraum sowie eine PC-Station über „Jüdisches Leben in Deutschland zwischen 1914 und 2001“ mit unfangreichem Programm angeboten.

 

Holocaust. Der nationalsozialistische Völkermord und die Motive seiner Erinnerung.

17. Januar bis 9. April 2002

Öffnungszeiten: Täglich außer Mittwoch 10-18 Uhr, Donnerstag bis 22 Uhr. Karfreitag geschlossen, Ostersonntag und Ostermontag geöffnet.

Ort: Kronprinzenpalais, Unter den Linden 3, 10117 Berlin-Mitte

Internet: http://www.dhm.de/ausstellungen/holocaust/

 

Der Katalog zur Ausstellung ist zu beziehen über das Deutsche Historische Museum, ISBN 3-86102-119-6 oder über den Buchhandel Verlag Edition Minerva Hermann Farnung, Wolfratshausen, ISBN 3-932353-60-9 zum Preis von € 24. Er enthält neben dem Katalog der Ausstellungsstücke zahlreiche Abbildungen und Aufsätze zu den einzelnen Schwerpunkten.

 

 

Nikoline Hansen