Die Mahnung 51/6     1. Juni 2004

„Der Weltkrieg 1914-1918. Ereignis und Erinnerung“


Eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum

 

Das Deutsche Historische Museum zeigt bis zum 15. August 2004 die  Ausstellung „Der Weltkrieg 1914-1918. Ereignis und Erinnerung“. Die Ausstellung steht in einer Reihe mit den bereits gezeigten Ausstellungen „Idee Europa - Entwürfe zum "Ewigen Frieden", „Holocaust - Der nationalsozialistische Völkermord und die Motive seiner Erinnerung“ und der sich ab Oktober anschließenden Ausstellung „Mythen der Nationen. 1945 - Arena der Erinnerungen“.

Damit nimmt sich das Deutsche Historische Museum anlässlich des 90. Jahrestages des Kriegsbeginns eines Themas an, das nicht zu beliebtesten Erinnerungen in der deutschen Geschichte gehört – so hörten die Museumsmacher beim erfolglosen Versuch, Sponsorengelder für die Ausstellung einzuwerben, der Erste Weltkrieg sei doch nicht so wichtig gewesen. Das ist, angesichts der historischen Folgen,  ein doch erstaunliches Argument und den Museumsmachern ist es erfolgreich gelungen, dieses Argument zu entkräften. Was der Ausstellung gut tut ist der Blick über den nationalen Rahmen hinaus – auch in dieser Beziehung bietet sie verschiedene Perspektiven, unterstützt von einem internationalen Beirat und den Leihgebern der Exponate aus aller Welt.

 

Der einzige Vorwurf, den man dieser Ausstellung machen könnte, ist die Tatsache, dass sie einen mit der Fülle der Themen erschlägt, indem sie einen ausgesprochen komplexen Ansatz der Präsentation gewählt hat: Die Gliederung erfolgt thematisch, nicht chronologisch. Das Gefühl der permanenten zeitlichen und örtlichen Sprünge wird allerdings gemildert durch die ausgezeichnete museologische Aufbereitung, die mit der Dreiteilung in die Komplexe Erfahrung, Neuordnung und Erinnerung eine klare grundlegende Struktur auf kulturhistorischer Basis erkennen lässt. Dabei wurde auf die Darstellung militärischer Strategien soweit möglich verzichtet, auch die Gesellschaftsgeschichte steht nicht unmittelbar im Vorder­grund, vielmehr geht es um die historische Einbettung und die Erfahrung eines modernen Krieges, in der individueller Kampf zur Erreichung der Kriegsziele vom Massensterben der Soldaten an der Front abge­löst wurde. Als Symbol hierfür dient eine Maschinenpistole, die als einzelnes Exponat recht harmlos daher kommt und erst im Kontext ihre Bedeutung gewinnt. Ferner zu sehen ist der Teil eines britischen Schützengrabens, der bei Ypern in Form einer A-förmigen Holzkonstruktion bei Straßenbauarbeiten 1998 aufgefunden wurde und die Probleme andeutet, mit denen sich die Soldaten im schlammigen Untergrund an der Front konfrontiert sahen. Diese Zeugnisse eines Vernichtungskrieg – zu denen auch die Erfindung des Gaskriegs zählt, die durch die wissenschaftliche Arbeit unter zeitweiliger Leitung des Chemikers Fritz Haber realisiert werden konnte und die in einer Schautafel mit Zeitungsausschnitten und Briefen thema­tisiert ist – stehen in befremdlichem Gegensatz zu den persönlichen Gegenständen der Soldaten, mit denen diese versuchten, den Krieg zu kompensieren – etwa einem Klappweihnachtsbaum für die Front. In den Abschnitt Erfahrungen gehören aber auch die unmittelbaren Folgen wie Verwundung und Tod – durch die medizinische Versorgung an der Front konnten viele Schwerstverletzte gerettet werden, ein Motiv, das mit deren Integration, bzw. dem Scheitern einer Integration und in gewisser Weise damit einher­gehend einem Wandel des Frauenbildes in der neu geordneten Gesellschaft im zweiten Ausstellungs­teil Neuordnung wieder aufgegriffen wird.

 

Ein Schwerpunkt nimmt unter dem Stichwort Psyche die Motivation der Soldaten ein – hier werden zum einen die Bewältigung der Schrecken mit Hilfe des Glaubens gezeigt – von der Herz-Jesu Figur über eine kompletten Feldaltar bis zum Feldgebetbuch für die jüdischen Mannschaften des Heeres wird auch hier ein breites Spektrum abgedeckt – zum anderen Propaganda und Devotionalien, ein sehr komplexes Thema, das erst an recht später Stelle in der Ausstellung aber dabei recht zentral und damit angemessen thematisiert wird.

 

Der zweite Teil Neuordnung sucht die Gründe für den Misserfolg dieser Neuordnung aufzuspüren, er endet mit einem bedrohlich dunklen kleinen Raum, durch den man diesen Teil wie durch einen Tunnel schreitend verlassen muss: September 1939.

 

Ein Stockwerk höher wird die Erinnerung thematisiert – ein Kontrast, der stärker nicht hätte ausfallen können: Die Räume sind in einem saftigen hellen Gelb freundlich gestrichen, und eingangs wandert man quasi durch ein Mohnfeld – die Mohnblume seit dem Ersten Weltkrieg ein Symbol der Erinnerung an die Kriegstoten, das in den angelsächsischen Ländern in nunmehr traditionellem Ritual fortwirkt. Die helle Freundlichkeit kontrastiert mit den Exponaten: Künstlerische Impressionen – etwa eine kleine Sammlung aus Otto Dix Zyklus „Der Krieg“, die den Schrecken gut verdeutlichen und den länderspezifischen Versuchen der Geschichtsschreibung eindrucksvoll eine eigene Geschichte entgegen setzen. Die Entstehung der Zeremonie der Ehrung des „Unbekannten Soldaten“ wird ebenso ausführlich dargestellt und ist mit einem Exponat gekrönt, das den Kurator der Ausstellung, Rainer Rother, besonders beeindruckt hat: eine vertrocknete Rosenknospe vom Sarg eines unbekannten Soldaten, der im November 1920 in London beigesetzt wurde.

 

Eine gelungene Ausstellung, die Zusammenhänge aufzeigt und eine Vielzahl komplexer Themen anschneidet. Sie zeigt, wie aufgrund der kriegerischen Ereignisse ein prinzipiell historisch kurzer Zeitraum zu einem epochalen Ereignis werden konnte, das für mehr als einen Kontinent zu grund­legenden Veränderungen führte. Durch den Ausblick auf den Beginn des II. Weltkriegs wird die historische Bedeutung des Krieges und seiner Folgen in ganzer Konsequenz gezeigt. Die Ausstellung stützt sich damit auch auf aktuelle historische Forschungen. Ebenfalls gelungen ist der ausführliche Ausstellungskatalog, in dem viele der Exponate abgebildet sind und mit dessen Hilfe man die Stationen der Ausstellung noch einmal nachwandern kann, was angesichts der Informationsfülle zwingend notwendig ist. Angebote für Lehrer und Schüler hat der museumspädagogische Dienst zielgruppengerecht erarbeitet und damit ein sicher hilfreiches Instrumentarium für den Unterricht geschaffen.

 

 

 

Nikoline Hansen

 

Weitere Informationen über das Deutsche Historische Museum und die begleitenden Veranstaltungen (Vorträge, Film und „Die Lange Literatur- und Klang-Nacht zum Ersten Weltkrieg“ am 5. und 12. Juni sowie am 7. und 14. August) unter www.dhm.de

 

Es gibt seit kurzem die Möglichkeit, die Arbeit des DHM in einem Freundeskreis zu begleiten und zu fördern.

 

Ausstellungshalle des Deutschen Historischen Museums, Hinter dem Gießhaus 3, Berlin-Mitte; Öffnungszeiten 10:00-18:00 Uhr täglich; Informationen und Anmeldung zu Führungen unter (030) 2030 4-417/411 Eintritt 2 €, Jugendliche unter 18 Jahren frei; keine weiteren Ermäßigungen

 

Der Katalog ist erschienen in der Edition Minerva, er umfasst 432 Seiten und 360 Abbildungen. Preis in der Ausstellung € 25, ISBN 3-86102-129-3, www.dhm.de/Publikationen/

 

Buchhandelsausgabe: Edition Minerva Wolfratshausen, ISBN 3-932353-89-7