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Die Mahnung 49/10  1. Oktober 2002

 

Jüdischer Widerstand

Eine Ausstellung von B’nai B’rith Europa im Deutschen Historischen Museum Berlin.

 

Mit der auf die Räumlichkeiten im Kronprinzenpalais zugeschnittenen Präsentation der von B’nai B’rith Europa erarbeiteten Ausstellung zeigt das deutsche historischen Museum zum zweiten Mal in diesem Jahr, dass historische Ausstellungen keineswegs langweilig und dröge sein müssen, um ihrer Aufgabe, historische Sachverhalte zu vermitteln, gerecht zu werden. Und ganz im Gegensatz zur letzten Ausstellung über den Holocaust, die als Sammelsurium historischen Originalmaterials doch Verhältnismäßigkeit und Anschaulichkeit vermissen ließ, erfährt der Besucher hier soweit das möglich ist, was es wirklich bedeutete, als Jude zur Zeit des Nationalsozialismus zu leben.

Die Gliederung der Ausstellung veranschaulicht sehr deutlich den schleichenden Prozess der anfänglichen Ausgrenzung, die in Deutschland begann, und der späteren Vernichtung, die die deutschen Nationalsozialisten europaweit durchzuführen versuchten; sie endet in einer Statistik, die verblüfft: Nämlich der Prozentzahl der Juden, denen es gelang die Zeit der nationalsozialistischen Verfolgung zu überleben gegliedert nach europäischen Ländern. Dabei zeigt sich, dass die österreichischen Juden mit einer Überlebensrate von 11 Prozent ebenso stark von der Vernichtung betroffen waren wie die polnischen Juden, wohingegen es deutschen Juden noch relativ lange möglich war auszureisen und ihre Überlebensquote mit über 30% daher deutlich höher war. Und dann die beiden Länder, in denen die Überlebens­quote fast 100% betrug: Dänemark und Bulgarien. Auf der Eröffnungsveranstaltung sprach der Groß-Rabbiner von Dänemark Bent Melchior stellvertretend für den verhinderten amtierenden Präsidenten der B’nai B’rith Europa, Seymour G. Saideman; er lobte das vorbildliche christlichenVerhalten der dänischen Bevölkerung, die alles daran gesetzt hatte, ihre jüdischen Nachbarn vor den deutschen Übergriffen zu retten – und damit höchst erfolgreich war – auch wenn das für den Einzelnen, wie etwa ihn, eine Entwürdigung bedeutet hatte, da er sich damals als junger Knabe wie ein Paket gefühlt habe – 17 Stunden auf einem Fischerboot, das sonst Heringe und andere Fische transportierte, eher Sache als Mensch, den navigatorischen Fähigkeiten eines Fischers in unbekannten Gewässern ausgeliefert, am Ende körperlich unversehrt in Schweden eingetroffen – aber eben doch der Heimat beraubt. So machte er auch deutlich, dass es niemals möglich sein wird, Gefühle, wie sie in solchen Extremsituationen der Verfolgung und Krieg durchlebt werden, gänzlich zu vermitteln oder nachzuempfinden.

Allerdings trägt die Ausstellung viel zum Verstehen bei, indem sie Anschaulichkeit schafft. Sie symbolisiert mit drastischer architektonischer Gestaltung den Abstieg der jüdischen Bevölkerung aus dem gutsituierten Bürgertum – der Eingangsraum ist einem holzgetäfelten Wohnraum nachempfunden – in eine dunkle Welt der Verstecke. Schon der zweite Abschnitt "Hinter Mauern" zeigt, wie sich die Ghettobewohner unter extremen Lebensbedingungen bemühten, ihr kulturelles und religiöses Leben aufrecht zu erhalten – Holzregale und Aktenordner sind das architektonische Symbol, die originalgetreu kopierten Dokumente, an den Mauern und in den Regalen zur Schau gestellt, sprechen in ihrer Sprache für sich – sie sind nur knapp in deutsch und englisch kommentiert; für interessierte Besucher gibt es eine Audioführung, die einzelne Dokumente erläutert und teilweise übersetzt. Labyrinthartige Hinterhöfe symbolisieren weiter das Leben im Versteck, im Untergrund. Ein Wald steht für den gewaltsamen Widerstand. Hier laden Baumstümpfe zum Verweilen und Zusehen ein – auf einem Fernseher kann man Augenzeugenberichte Überlebender verfolgen, in denen diese von ihren Erlebnissen berichten.

Auch wenn man sicher nicht nachvollziehen kann, wie es der jüdischen Bevölkerung damals ergangen ist – die Gestaltung der Räume hilft doch, den Betrachter in die Geschichte zu ziehen – das spärliche Licht vermittelt automatisch gedämpfte Stimmung, dies in gewissem Widerspruch zur Thematik aber doch passend, denn es symbolisiert wie alles in der Ausstellung die Situation der Juden, denen es nur im Dunkeln gelang zu überleben, so dass man erleichtert ist, wieder ans Licht treten zu können und das Resümee zur Kenntnis zu nehmen - das Überlebthaben – auch wenn das Leben der porträtierten Helden aus der Bahn geworfen war. In der symbolischen Welt der Ausstellung fällt es bisweilen schwer sich auf die Ausstellungsstücke zu konzentrieren, aber immer wieder bleibt das Auge auf einem Dokument hängen und verführt zum weiterlesen. Und weckt Neugier auf die ganze Geschichte.

Die am weitesten gefasste Definition des jüdischen Widerstand in der Ausstellung ist Überleben – das nämlich gegen den Herrschaftswillen durchgesetzt werden musste und nur durch Leisten von Widerstand gegen die Machthaber stattfinden konnte. Womit die Bedeutung des bewaffneten Kampfs nicht reduziert, aber in einen sehr viel weiteren Rahmen gestellt wird. Und letztlich verstehen lässt, weshalb das Verhältnis der Deutschen zu den Juden noch immer weit davon entfernt sein muss, ein normales zu sein. So erklärt die Ausstellung eigentlich auch selbst, weshalb ihre Realisation erst jetzt erfolgen konnte. Dass das Deutsche Historische Museum sie jetzt im Herzen Berlins zeigt ist eine kluge und richtungsweisende Entscheidung.

Obwohl die Ausstellung räumlich nur das erste Obergeschoss des Kronprinzenpalais umfasst ist sie doch vom Gehalt her sehr inhaltsschwer und es lohnt sich, Zeit mitzubringen – für die Dokumente der Ausstellung, die in der Audioführung ausführlich erklärt werden, und für die Filmdokumente, die an einzelnen Stationen gezeigt werden.

 

Jüdischer Widerstand. Eine Ausstellung von B’nai B’rith Europa

5. September bis 5. November 2002

Öffnungszeiten: Täglich außer Mittwoch 10-18 Uhr, Donnerstag bis 22 Uhr. Ort: Kronprinzenpalais, Unter den Linden 3, 10117 Berlin-Mitte

Der Eintritt ist frei. Die Ausstellung kann mit einer kostenlosen Audio-Führung in deutscher, englischer und französischer Sprache besucht werden.

Internet: http://www.dhm.de/

 

 

Nikoline Hansen