Die Mahnung 48/7 1. Juli 2001

 

Fluchtpunkt Exil – Eine musikalisch-literarische Fuge

Texte und Lieder aus der Emigration

 

Elysium – between two continents ist in München ein eingetragener Verein, in New York als Non-Profit-Organisation registriert und finanziert sich ausschließlich aus Spenden. Zielsetzung ist, mit den Mitteln der Kunst eine Brücke der Verständigung und des Friedens zu bauen und die Menschen zusammenzubringen durch Theater, Oper, Konzerte und Ausstellungen, um so historische Kluften zwischen ethnischen und religiösen Gruppen zu überwinden. Dies kann, wegen großzügiger Spenden, sogar mit Stipendien an junge Künstler geschehen.

 

Am 26. Juni wurde als Teil des Saisonschwerpunkts 2000/2001 „Erzählt allen, allen von uns – Künstler im Exil: Von Hass verfolgt, Menschlichkeit bezeugend“ im Atrium der Deutschen Guggenheim das Programm „Fluchpunkt Exil – eine musikalisch-literarische Fuge“ präsentiert. Die Vorstellung hielt, was sie versprach – auch wenn die Texte aufgrund der hallenden Akustik in dem glasüberdachten Hof teilweise schwer zu verstehen waren – die Optik und der musikalische Eindruck entschädigten, und es war genug zu verstehen um betroffen zu machen.

 

Das Programm – hintereinander weg abwechslungsreich vorgetragen Lieder und Texte – teilte sich zur besseren Orientierung in die vier Schwerpunkte Berlin – Wien – London und New York, auch für die Lebensstationen Heimat, Verfolgung und Exil. Der in den Liedern vorherrschende Humor – es kamen Werke von Robert Alexander, Paul Aron, Hanns Eisler, Ernst Krenek, Egon Lustgarten, Mischa Spoliansky und Kurt Weill zur Aufführung, darunter eine Reihe europäischer Erstaufführungen –, erfuhr einen erheblichen Kontrast durch die Texte und Briefe von Leo Glückselig, Mimi Grossberg, Sebastian Haffner, Hermynia Zur Mühlen, Erwin Piscator, Maria Ley Piscator, Hans Sahl, Lore Segal, Sonia Wachstein und Volkmar Zühlsdorff. Der schockierende, längere Text „Am 30. Januar 1933 ...“ von Hermynia Zur Mühlen, der thematisierte, was wir heute Zivilcourage nennen, ließ an der Not­wen­dig­keit des Exils keinen Zweifel. Er schildert die Situation in einem kleinen österreichischen Dorf aus der Perspektive einer besorgten Mutter, die den gefährdeten Bürgermeister retten möchte und sich dabei Gedanken über die Verlässlichkeit der Tochter macht – wird diese ihre geplante Aktion womög­lich verraten? Inzwischen ist der Bürgermeister schon verhaftet und wird misshandelt, woraufhin die Tochter, dies sehend einschreitet und versucht, sich dagegen aufzulehnen; es gelingt ihr zwar, einige der zögerlichen Zuschauer auf ihre Seite zu bringen,  aber am Ende verstärken die Nazis ihre Kräfte und sie wird erschossen – die Passage endet damit, dass der Mutter der Leichnam der Tochter über­bracht wird. Die folgenden Lieder lassen keine Zeit zum Nachdenken, es geht nach London und endet erst mal mit „Good Bye Trouble“.

 

Dann noch einmal von vorne: New York: Hier ist die Kluft größer, das zeigt sich deutlich an den mit der Einwanderung verbundenen Problemen. Wunderbar allegorisch der Text von Mimi Grossberg „Intermezzo in der New Yorker Untergrundbahn“ über einen Schmetter­ling, der sich in einen Wagon verirrt hat – alle Fahrgäste atmen auf, als er an einer überirdischen Station schließlich aus dem Abteil flattert. Das widrige Klima, die Schwierigkeit Arbeit zu finden, der Versuch durch die Gründung der American Guild eine neue Heimat zu schaffen – all das ist New York und gipfelt in einem ersten versöhnlichen Höhepunkt mit dem Werbesong „Nur Vibu“, von Christa Pillmann mit viel Charme und Schwung vorgetragen – da scheint die Assimilation an den American Way of Life geglückt, oder ist es etwa doch nicht ernst gemeint? Das Finale: „Hatikwo“, Variationen für Klavier von Robert Alexander, die an die israelische Nationalhymne Hatikwa erinnern, dass einem das Sitzenbleiben schwer fällt – Hope, Hoffnung – in verschiedenen Sprachen.

 

Ein gelungener Abend, der einen nachdenklich machen musste und für den man sich – gerade auch in Berlin eigentlich ein größeres Publikum gewünscht hätte als den doch eher kleinen Kreis Interessierter.

Die Sänger und Schauspieler brillierten allesamt in ihren Rollen, das Zusammenspiel zeichnete sich durch große Professionalität aus und die Auswahl der Lieder und Texte waren hervorragend aufeinander abgestimmt. Ein Beweis, dass Kultur auch ohne öffentliche Förderung mit privatem Engagement auf allerhöchstem Niveau möglich ist.

 

Nikoline Hansen