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Die Mahnung 52/6  1. Juni 2005

 

Marina Sandig

Die Liebermanns.
Ein biographisches Zeit- und Kulturbild der preußisch-jüdischen Familie und Verwandtschaft von Max Liebermann.

 

Das Buch leistet eine fundierte wissenschaftliche Erarbeitung der Liebermannschen Familien­ver­hältnisse und ist damit ein Referenzwerk, das wiederholt existierende Werke über Max Liebermann korrigiert und historische Tatsachen richtig stellt. Man sollte nicht unbedingt den An­spruch entwickeln, das Buch in einem Stück durchzulesen, denn die wiederholte Aufzäh­lung der Familiengeschichten – arrangierte Heiraten, Aufzählung der Kinder und sonstige ausführlich dargelegte Verwandtschaftsverhältnisse lesen sich so geballt doch eher etwas dröge, aber es ist hervorragend geeignet zum Blättern und Nachschlagen. Dazu gibt es auch ein umfangreiches Personenregister und eine Auswahl der relevanten Literatur. Der genea­lo­gi­sche Teil im Anhang, der aus acht Übersichtstafeln besteht, gibt einen detaillierten Einblick in die weit verzweigte Familie Liebermann, die es offensichtlich besonders im 18. und 19. Jahrhundert verstand, ihre Machtposition durch geschickte Heiratsarrangements zu festigen. Dies war sicher aufgrund der Umstände notwendig: Die Familie hatte das Privileg, zu der relativ kleinen Gruppe der privilegierten Schutzjuden zu gehören, weshalb die arran­gier­ten Heiraten auch ein notwendiges Mittel zum Erhalt dieses Privilegs waren. Erst im 19. Jahr­hundert änderte sich dies durch die rechtliche Emanzipation, die einige Familien zur Assimilation bis zur vollständigen Aufgabe ihrer Religion nutzten. Dies kam in der Familie Liebermann dann zwar auch vor, blieb jedoch die Ausnahme.

Die Angehörigen der Familie Liebermann waren, wie die anderen Berliner Schutzjuden auch, vorrangig als Kaufleute, Fabrikanten und Bankiers tätig; es gab aber auch Wissenschaftler – und nicht zuletzt kann die Förderung des künstlerischen Talents Max Liebermanns als Fort­setzung einer Familientradition verstanden werden, die den Kindern eine größtmögliche Frei­heit bei der Berufswahl und in der Entwicklung ihrer Talente ließ. Die Familie Liebermann war daher einerseits wohlhabend – sie betrieb unter anderem große Baumwollfabriken, trug andererseits aber auch in hohem Maße zum wissenschaftlichen Fortschritt bei. Zudem wurde, jüdischer Tradition folgend, großer Wert auf Wohltätig­keit gelegt: die Familie unterstützte beispielsweise das jüdische Waisenhaus großzügig und beteiligte sich aktiv in der jüdischen Gemeinde. Auf finanzielle Unterstützung durch die Familie war auch Max Liebermann anfangs angewiesen; sie erfolgte etwa durch den Ankauf seiner Bilder. Derartige Details hat Marina Sandig aus Archiven ausgegraben und der interessierten Öffentlichkeit damit zugäng­lich gemacht. Sie zeigt auch deutlich die Lücken auf, die die Verfolgung der Juden während des National­sozialis­mus in die Familie riss. Max Liebermann selbst trat 1933 von seinen Ämtern zurück; er starb am 8. Februar 1935. Seine Witwe nahm Gift, ehe sie nach Theresien­stadt deportiert werden sollte und starb am 10. März 1943. Eine Ausreise war an immer neuen Steuerforderungen gescheitert, die offensichtlich schikanöser Natur waren. Ein Teil der Fami­lie wurde deportiert und ermordet, einem anderen Teil gelang es auszuwandern, sodass die Familie nun in aller Welt verstreut ist. Die Enkeltochter Maria White starb 1995 in New York.

Das vorliegende Buch zeigt damit exemplarisch das Schicksal einer bedeutenden jüdischen Fami­lie, die sich dank der liberalen Politik Friedrichs II in Berlin niederlassen konnte und die Stadt im 18. und 19. Jahrhundert entscheidend mit prägte. Die Liebermanns sorgten für das Wohlergehen der Stadt Berlin nicht nur durch ihren finanziellen Beitrag, sondern auch auf natur- und geisteswissenschaftlichem Gebiet. Max Liebermann schließlich führte sie zu einer herausragenden Stellung auf dem Gebiet der Kunst. Gedankt hat sie es ihm zu Lebzeiten nicht mehr.

 

Marina Sandig Die Liebermanns. Ein biografisches Zeit- und Kulturbild der preußisch-jüdischen Familie und Verwandtschaft von Max Liebermann.
Degener & Co 2005   (EUR) € 32,90
ISBN 3-7686-5190-8 

                                                  Nikoline Hansen