Die Mahnung 51/Nr.3     1. März 2004

 

 

Toby Sonneman

Shared Sorrows. A Gpysi family remembers the Holocaust

 

Es handelt sich um ein erstaunliches Buch, das eigentlich schon lange überfällig war, und das gerade für die deutsche Geschichtsschreibung von außerordentlicher Bedeutung ist. Leider, aber eigentlich logischerweise, ist es in Amerika entstanden und – nach einigen Schwierigkeiten endlich in einem englischen Verlag erschienen. Es hätte gewiss eine Übersetzung ins Deutsche verdient; zumindest sollte es Pflichtlektüre für alle Historiker sein, die sich mit dem Nationalsozialismus in Deutschland beschäftigen. Toby Sonneman hat nicht nur hervorragend recherchiert und bietet damit ein umfangreiches Hintergrundwissen, das sie in der Bibliographie dokumentiert, sondern sie hat sich eben auch besonders auf der persönlichen Ebene mit dem Thema auseinandergesetzt – und das aus doppelter Perspektive: zum einen aus der eigenen, dem jüdischen Hintergrund – ihrem Vater gelang es noch Ende 1938 durch mehrere glückliche Zufälle und die Unterstützung der Mitmenschen – sowohl in Deutschland (ein Freund warnte ihn vor einer drohenden Razzia, nach der die Familie deportiert worden wäre) als auch in den USA (entfernte Verwandte stellten ihm ohne Rückfragen das benötigte Affidavit aus), das Land, in das er schließlich auswanderte, Deutschland zu verlassen; zum anderen der Perspektive einer Zigeunerfamilie, deren Bekanntschaft sie in Amerika mehr oder weniger ebenfalls zufällig machte und die ihr Interesse dergestalt weckten, dass sie sich ausführlich mit deren Schicksal, das eben auch in gewisser Hinsicht mit ihrem eigenen verflochten war, auseinander setzte. Hinzu kommt ein Erzähltalent, das dieser Dokumentation den Charakter eines spannenden Kriminalromans verleiht – es ist dabei emotionsgeladen ohne trivial zu werden.

Das wirklich Erschreckende an diesem Buch ist vielleicht die Erkenntnis, dass es in Deutschland nicht hätte geschrieben werden können, sondern dass es den Umweg über Amerika bedurfte. Dies ist andererseits aus den historischen Gegebenheiten heraus nicht weiter verwunderlich – denn, wie Sonneman am Ende ganz direkt und ohne Beschönigung schreibt, diejenigen, die es in erster Linie betrifft, sind nicht mehr da – die ehemals assimilierten deutschen Juden sind in Auschwitz ermordet worden oder in andere Länder ausgewandert, die sie aufgenommen haben – die jetzt in Deutschland neu entstehende Blüte jüdische Kultur ist zu einem erheblichem Maße der Zuwanderung aus osteuropäischen Ländern zu verdanken, und damit Menschen, die eben in einer anderen Tradition stehen als der Deutschen. Und auch ist es in Deutschland bestenfalls eine versöhnliche Geste und Verständnis, auf die jüdisches Schicksal während des Nationalsozialismus stößt – niemals jedoch echtes Verstehen.

So beschreibt Sonneman, dass ihr Vater in erster Linie bestrebt war, genauso zu sein wie die „Nicht­juden“: „Wir gingen zur selben Schule, zahlten dieselben Steuern, lebten mit ihnen in denselben Häusern, den­selben Wohnungen, zogen uns genauso an, gingen mit ihnen zu Feiern, ins Theater, in Konzerte. Es gab einfach nicht viele Unterschiede“ (237, Übersetzung NH). Und doch gab es ein entschei­den­des Problem: das der Stigmatisierung als „Volksfeinde“, als „Andere“ – eine Ausgrenzung, die sowohl Juden, als auch „Zigeuner“ betraf. Für die Jugendlichen war dies schwer nachvollziehbar, wie Sonneman beschreibt: So wollte ihre Tante etwa unbedingt Mitglied im „Bund deutscher Mädchen“ werden und weinte, als ihre Eltern ihr sagten, dass dies aufgrund ihrer jüdischen Abstammung nicht möglich sei. Eine Ausgrenzung, die also weder für die Familie der Autorin, noch für die der geschilderten Sinti-Familie begreiflich war. Wobei man sich der Tatsache bewusst sein sollte, dass der Begriff Zigeuner in Deutschland einen derartigen Missbrauch erfahren hat, dass er guten Gewissens nicht mehr ohne Anführungszeichen benutzt werden kann - was übrigens noch immer oft auch für das Wort Jude angenommen wird – nach wie vor ziehen es viele Deutsche vor, statt Jude jüdische Mitbürger zu sagen – eben so, als ob es sich auch bei diesem Wort um ein Schimpfwort handeln würde.

Auch aus diesen Gründen verwundert es nicht, dass dieses Buch nicht in Deutschland geschrieben werden konnte – hier ein kurzer Absatz aus dem Buch, der meine Ausführung weiter verdeutlichen mag:

 

„Sie müssen wirklich ziemlich kaltherzig gewesen sein“, sagt meine Tochter, nachdem sie Ludwigs Frau Marlis zugehört hat, die erklärt hat, wie die Dorfbewohner in Freudenthal gegen ihre jüdischen Nachbarn aufgehetzt wurden, indem sie ihre heiligen Bücher verbrannten und sie zwangen, um die Freudenfeuer zu tanzen, während sie sie mit Stöcken schlugen. „Nicht jeder war grausam“, sagt Marlis. Der Postamtsvorsteher hat vielen Juden geholfen, einschließlich Moritz, meinem Urgroßonkel, er hat ihnen geholfen, in der Welt herumzutelefonieren als sie einen Zufluchtsort suchten. Marlis sagt, dass es noch viele ältere Dorfbewohner gibt, die nicht mit der Tochter des Postamtsvorstehers, die noch immer in Freudenthal lebt, sprechen, weil ihre Familien damals den Juden geholfen hat“ (249, Übersetzung NH).

 

Die grundlegende Zielsetzung von Sonnemans Buch ist aber neben dieser gelegentlich einfließenden eigenen Geschichte der Diskriminierung und Spurensuche der (deutschen) „Jewish Heritage“ die Schilderung der Situation der als Zigeuner verfolgten Bevölkerungsgruppe. Im Gegensatz zu den Juden waren sie –wie deutsche Gerichte nach dem Krieg entschieden – nicht aus rassischen Gründen verfolgt worden, sondern weil sie als „asozial“ angesehen wurden. Sonneman stellt fest, dass „Zigeuner“ bzw. Gypsies als Volksgruppe in den USA unter anderem auch deshalb nicht wahr­ge­nommen werden, weil sie ihre eigene Abstammung verschleiern – im Gegensatz zu Deutschland, wo sie als eine ethnische Minderheit anerkannt und inzwischen als solche auch akzeptiert werden. Bei der Beschäftigung mit ihrer eigenen Geschichte fiel ihr auf, dass es zwar eine große Anzahl Zeugnisse jüdischer Überlebender gibt, aber nur sehr wenig von Zigeunern – und das auch erst seit Kurzem. Die im nationalsozialistischen Deutschland erheblich ausgeprägte Stigmatisierung der Zigeuner als „Asoziale“ mag dazu in erheblichem Maße beigetragen haben, indem sie das Bekenntnis zur eigenen Identität erheblich erschwerte.

„Ich kann vergeben, aber ich kann niemals vergessen“, hatte Reili Mettbach Herchmer gesagt, die in Amerika lebende Sinti, deren Familie seit vielen Generationen in Deutschland sesshaft gewesen war. Und das gilt offensichtlich auch für ihre Familie, die Auschwitz überlebt hat und die heute mit all den Problemen, die die Verfolgung mit sich gebracht hat, in Süddeutschland lebt. Diese Geschichte, in Etappen erzählt, soweit es für die Erzählenden verkraftbar war, hat Sonneman behutsam aufgezeichnet und in eben solchen Episoden mit eigenen Erfahrungen gemischt erzählt und damit einer größeren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Es ist eine Geschichte, die vom Verlust der Kindheit erzählt, von einem unglaublichen Vertrauensverlust in die Umwelt und von Ausgrenzungen und Ungerechtigkeiten, die mit dem Ende des Naziregimes nicht zu Ende waren.

Toby Sonnemans Buch trägt dazu bei, eine Lücke zu schließen. Es ist ein ausgesprochen wichtiges Buch, das gerade auch in Deutschland gelesen werden muss weil es hier nie hätte geschrieben werden können.

 

 

Toby Sonneman „Shared Sorrows“. University of Hertfordshire Press September 2002

ISBN 1-902806-10-7, paperback £ 12,--

Zu beziehen direkt bei University of Hertfordshire Press Learning and Information Services, University of Hertfordshire, College Lane, Hatfield AL10 9AD, UK, E-mail UHPress@herts.ac.uk

(£ 12,-- + 75p p&p, Scheck zahlbar an Polyfield Property Ltd oder Kreditkarte). Information im Internet unter http://www.herts.ac.uk/UHPress/Gypsies.html

 

 

Nikoline Hansen