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Die Mahnung 50/7  1. Juli 2003

 

Vom "Gestapogelände"  zur "Topographie des Terrors"
– Rückblick und Positionsbestimmung

 

Am 21. Mai luden die Stiftung Topographie des Terrors und der Verein Aktives Museum unter der Schirmherrschaft des Präsidenten des Abgeordnetenhauses Walter Momper und mit Unterstützung der Bundeszentrale für politische Bildung zu einem Symposium, auf dem es um eine Bestandsaufnahme und die Zukunft des Geländes ging. Bedauerlich, dass der geschäftsführende Direktor der Stiftung Dr. Andreas Nachama das Gefühl hatte, nur bekannte Gesichter zu sehen, "wie bei einem Klassentreffen". Hoffnung allerdings macht die prominente Unterstützung, die den Schluss nahe legt, dass es nun doch noch vor der "Sommerpause" des Berliner Senats in eine letzte Runde gehen könnte – wenn denn die jetzt neu beginnenden Berechnungen des Architekten mit einer vereinfachten Struktur des Baus (dazu gehören die Reduzierung der technisch aufwändigen Knotenpunkte von 17.000 auf 6.000 und eine einfache statt einer doppelten Zwischendecke) zur Zufriedenheit der Geldgeber ausfallen, die stolz darauf zu sein scheinen, dass es ihnen endlich mal gelungen ist ein Bauprojekt erfolgreich finanziell zu deckeln. So lautete das vorweg genommene Fazit Nachamas auf die mit drei bis vier Jahren veranschlagte Bauzeit: "Es wäre schön zu wissen, wann wir anfangen können zu zählen" und "Alles ist möglich, selbst dass fertig gebaut wird". Eine Antwort darauf konnten die Teilnehmer des Podiums nicht geben – die angekündigte Staatsministerin Dr. Christa Weiß hatte zehn Minuten vor Veranstaltungsbeginn wegen Terminschwierigkeiten abgesagt, Senator Peter Strieder ließ sich durch seinen Staatssekretär Hans Stimmann vertreten, der versuchte, die Reduzierung der Knotenpunkte als geglückte Verhandlungspolitik des Berliner Senats darzustellen, nur Dr. Tomas Flierl, Senator für Wissenschaft, Forschung und Kultur sowie Mitglied des Vereins Aktives Museum und Dr. Norbert Lammert, Vizepräsident des Deutschen Bundestages waren wie geplant gekommen und vertraten beide die Ansicht, dass es eine Schande wäre, wenn der Bau nicht in der einen oder anderen Form zustande käme. Vielleicht wissen wir ja beim Erscheinen dieser Ausgabe der Mahnung mehr, spätestens im Herbst wird dann vom weiteren Verlauf der Angelegenheit zu berichten sein – ob es zu einem zweiten Versuch der Ausschreibung des Bauvorhabens kommen wird oder ob das Provisorium der Bundesregierung selbst ein weiteres Denkmal für ihr Umgehen mit der eigenen Geschichte setzt. Denn die anderen beiden, nicht zufällig aber doch nicht wirklich zutreffend mit diesem Projekt in einem Atemzug genannten "Denkstätten", das jüdische Museum Berlin und das "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" – sind in ihrer Diktion gefälliger, indem sie sich den Opfern widmen. Wichtiger für das deutsche Geschichts­verständnis und eindeutiges Zeichen dafür, dass Deutschland endlich gewillt ist, seine Vergangen­heit aufzuarbeiten und ehrlich damit umzugehen, wäre jedoch die Fertigstellung der Topographie des Terrors. Und gerade aus diesem Grunde erstaunt auch, dass die Bundesregierung nicht das geringste Interesse zeigt, ihrer zahlungs- und sicherlich auch deswegen handlungsunfähigen einstigen und jetzigen Hauptstadt in dieser Hinsicht unter die Arme zu greifen und die Regie für das Projekt zu übernehmen.

So beschäftigte sich folgerichtig der erste Teil des Symposiums "‚Täterforschung’ – Chancen und Probleme" mit aktuellen Ergebnissen der Täterforschung und war damit der spannendste Teil der Veranstaltung – die unerwartet hohe Zahl der Anmeldungen machte eine Raumverlegung vom Konferenzsaal in den Kinosaal des Martin-Gropius-Baus notwendig. Prof. Dr.Reinhard Rürup wies einführend darauf hin, dass es sich bei dem Begriff Täterforschung um einen sehr jungen Terminus handelt, der seit einem FAZ-Artikel vor zwei Jahren allgegenwärtig ist. Gegenwärtig sei unklar, warum sich der Begriff jetzt etabliert habe, obwohl es derartige Beiträge von Anfang an gab – man denke etwa an Raul Hilberg und Egon Kogon. Das Hauptinstrument der Täterforschung war die Justiz, insbesondere das Archiv in Ludwigsburg, wo die Ermittlungen vorbereitet wurden. Bereits Wolfgang Scheffler habe diese Quellen mit erheblichem Gewinn ausgewertet und drauf hingewiesen, wie wichtig diese Akten seien um ein wirkliches Verständnis dafür zu bekommen, was sich in der NS-Zeit vollzogen habe. So stützten sich die Ausführungen von Professor Dr. Gerhard Paul über "Die Geheime Staatspolizei" in der Hauptsache auf Biographien, deren individuelle und statistische Auswertung zu fünf verschiedenen Täterprofilen führten: den Konformisten, der seine eigene Karriere im Sinn hatte; den Weltanschauungstäter mit rassistischem Gedankengut, den Exzesstäter, der sich an grenzenloser macht berauschte, den Schreibtischtäter, der sich durch Engagement und eigene Vorschläge auszeichnete sowie einer Mischform des Schreibtischtäters, der sich vor Ort von der Praxis überzeugte. Allerdings, gab Paul selbst zu, sei es wenig hilfreich, die Biographien auf einen gemeinsamen Nenner zu reduzieren und es sei gegenwärtig noch schwer, Gewichtungen zu machen. Privatdozent Dr. Michael Wildt konzentrierte sich in seinem Vortrag auf "Das Reichssicherheitshauptamt". Auch er arbeitete Gemeinsamkeiten in den Täterprofilen heraus: so sei der erste Weltkrieg für die RSHA-Angehörigen prägend gewesen; es habe sich keinesfalls um gescheiterte Existenzen gehandelt, sondern um Teile der bürgerlichen Elite. Als Kommentatoren waren Professor Dr. Hans Mommsen und Professor Dr. Hans Ulrich Thamer geladen. Thamer bezweifelte die Tauglichkeit des Begriffs Täterforschung, die seiner Ansicht nach in der Öffentlichkeit entstanden und historisch zu diffus sei, um sich als übergreifendes Denkmuster zu eignen. Er schlug vor, die Forschungen auf einzelne Institutionen zu fixieren. Mommsen sah sich gezwungen, auf die Anschuldigung Pauls, die Strukturalisten hätten einer Entschuldung Vorschub geleistet mit dem Hinweis zu entgegen, dass zu der Zeit, als er Forschung betrieben habe, eine andere Herangehensweise nicht praktikabel gewesen und der Vorwurf daher ungerechtfertigt sei. So hätte etwa die Einführung emotionaler Komponenten wie Vergewaltigung zu Gegenreaktionen geführt, weshalb man sie vermieden habe.

Wildt erinnerte in der Diskussion noch einmal daran, dass die Topographie des Terrors 1987 auch als Opferort etabliert werden sollte, sich aber schließlich herausstellte, dass dies nicht der zentrale Gesichtspunkt sein konnte und sich der Ort damit als Gedenkstätte entzog. In diesem Zusammenhang wurde der Begriff Gedenkort geprägt, so wie er heute auch auf das Haus der Wannseekonferenz zutrifft.

Als nur gelegentlichem Beobachter historischer Debatten drängte sich mir in der Diskussion der Eindruck auf, dass die historische Forschung über die NS-Zeit – vielleicht auch befruchtet durch die doch eher überraschende Wiedervereinigung beider deutscher Staaten im Jahr 1989 in einen neuen Diskurs eingetreten ist, der uns einer tatsachenorientierten Geschichtsschreibung näher bringen kann. Dies wäre uns im Interesse einer friedlicheren Zukunft, die mit weniger Vorurteilen belastet ist, sehr zu wünschen.

 

Nikoline Hansen