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Die Mahnung 52/10  1. Oktober 2005

 

Als unsichtbare Mauern wuchsen

 

Es gibt denkwürdige Tage, an die möchte keiner erinnert werden. Ein solcher Tag hat sich am 15. September zum siebzigsten Mal gejährt. Der 15. September 1935 war der Tag, an dem auf dem Nürnberger Parteitag der NSDAP das "Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre", genannt Blutschutzgesetz und das Reichsbürgergesetz beschlossen wurden. Durch das Blutschutzgesetz wurden Eheschließungen zwischen Nicht-Juden und Juden verboten, eine Bestimmung, die auch auf Eheschließungen zwischen Deutschen und Zigeunern oder Schwarzen angewendet wurde. Zuwiderhandlungen wurden mit Gefängnis oder Zuchthaus geahndet. Durch das Reichsbürgergesetz wurden die Rechte aller deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens eingeschränkt – dies galt auch für Personen mit zwei Groß­eltern jüdischen Glaubens, also solchen, die zu jüdischem Glauben möglicherweise gar keine Verbindung mehr hatten.

Ein Jahrestag, an den nicht erinnert wird – obwohl das Erinnern auch heute noch notwendig sein kann. Ingeborg Hecht ist ein Rückblick auf jene Zeit zu verdanken, in der die Gesetz­gebung sich immer tückischer gegen eigene Bürger wandte – und sie damit am Ende aus­grenzte aus dem normalen Leben. Das Tragische der Situation wird deutlich daran, dass sie ohne Rückgriff auf die ausgeklügelten Gesetze gar nicht verständlich wäre: So schreibt Hecht nach einer Kurzbeschreibung der Familien ihrer Großeltern über die Eheschließung ihrer Eltern: "Was die beiden eingegangen waren, würde man später als privilegierte Misch­ehe bezeichnen". So zieht sich dann auch logischerweise als "roter Faden" die Gesetz­gebung durch das Buch, die den Alltag der Autorin immer weiter einschränkte. So scheinbar harmlos beginnt sie mit einem Gesetz aus dem Jahr 1938, das Juden die Benutzung staatlicher Archive untersagte – selbstverständlich mit genau definierten Ausnahmetat­beständen, die Familien­geschichte und die Erforschung des jüdischen Volkstums betreffend: das Perfide und die Gründlichkeit, mit der ausgrenzende Gesetze als rechtliches Konstrukt wirken konnten, wird daran sehr anschaulich: Sie dienten konsequenterweise nur einem Ziel: der Schaffung eines Sonderrechts für die Juden im NS-Staat.

"Als unsichtbare Mauern wuchsen" stellt die Gesetze und das persönliche Erleben eindrucks­voll gegeneinander. Es ist ein hervorragend geeignetes Buch, das Geschichte am Einzel­schick­sal lebendig macht und damit nachempfindbar. Damit ist es in der Lage, als Zeitzeugen­dokument fortzuleben für die Generation, die Betroffene nicht mehr persönlich kennen lernen kann. Insofern ist dem Verlag Dölling und Galitz für die broschierte Neuauflage des 1984 erstmals veröffentlichten Buches zu danken, das damit hoffentlich einer breiteren Öffent­lich­keit zugänglich wird. Ingeborg Hechts Familiengeschichte eignet sich ausgezeichnet als erster Zugang zu dem Thema, indem es zugleich die schleichende Entwicklung der fehlgeleiteten deutschen Gesetzgebung während der NS-Diktatur beschreibt und die Folgen der Nürnberger Rassegesetze für sie, ihre Familie und den Freundeskreis drastisch vor Augen führt.

Das gleiche gilt auch für den Ergänzungsband "Von der Heilsamkeit des Erinnerns", in dem Ingeborg Hecht die Reaktionen auf ihr Buch festgehalten hat. Das hiermit verbundene Anliegen definiert die Autorin so: "Von den vielen Leserbriefen, die mich weiterhin erreichen, stammen manche von Leidensgenossen, die Variationen dieser "Mischlings"-Schicksale beschreiben. Einige von ihnen möchte ich im Verlauf des Buches weitergeben an meine Leser; denn das Leben derer, die "zwischen den Stühlen" zu existieren versucht haben, ist immer noch kaum bekannt" (22). Damit einher­gehend schildert sie ihre eigenen Befindlichkeiten schildert, die sie als Heilungsprozess erfahren konnte – Heilung von einem Leiden, dessen Ursprung sie wohl zuvor nicht hatte realisieren können: der Phobie, die Wohnung zu verlassen. Dass dies auf die Zwangsmaßnahmen während der NS-Zeit zurückgeführt werden konnte, als das Verlassen der Wohnung für Juden mit Lebensgefahr verbunden sein konnte, hat sich erst spät herausgestellt: "Und immer findet sich jemand unter den jungen Zuhörern, der sagt: "Sie haben sich eben alles von de Seele geschrieben." Womit sie, beiläufig, auf Anhieb mehr verstanden haben als die Repräsentanten der Landesämter für "Wiedergutmachung", die zu keiner Zeit bereit gewesen sind, einen solchen Zusammenhang zu akzeptieren. Diese Akzeptanz hat sich erst 1991 eingestellt" (47/48) – also zu einem Zeitpunkt, als die Phobie bereits überwunden war.

Was wir daraus lernen können? Mit Sicherheit, dass wir Glück haben, in einem demo­kra­tischen und freiheitlichen Staat zu leben, in dem die Rechte für jeden Bürger gleichermaßen gelten. In dem wir Grund- und Menschenrechte haben, die uns diese Rechte sichern. Und dass das nicht selbstverständlich ist, sondern gewahrt werden muss. Die Frage "Was können wir tun?" ist für die Schüler von heute, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, offensichtlich zentral und eine Frage, die auch Ingeborg Hecht beschäftigt hat: "Es ist eine Binsenwahrheit: Auch Demokratien funktionieren nicht problemlos. Die Unwägbarkeiten des Alltags, die menschlichen Schwächen mancher Politiker, komplizierte politische Themen lassen Schüler of auf skeptische Distanz zur politischen Ordnung gehen, in der sie leben. Gespräche mit solchen Inhalten sind für mich nicht immer einfach. Aber sie sind für mich ein Grund, zuver­sicht­lich zu sein. Denn diese of nachdenklich vorgetragene Skepsis, die von Wachsamkeit zeugt, macht, wie ich meine, ein "Nie Wieder" sicherer" (51). Allerdings gilt es auch, die Relationen im Blick zu halten: "Eine Schülerin wollte wissen: "Ab wann hat Ihr Vater Angst gehabt um sein Leben, und ab wann müssen die Asylanten bei uns Angst haben?" Ich glaubte nicht richtig zu hören. "Aber: mein Vater stand unter todbringenden Gesetzen, sie wurden ständig tödlicher – bis zur Endlösung. Gibt es bei uns heute solchen Gesetze?" So merkwürdig mich die Vergleiche manchmal anmuteten – und so abwegig auch -, es ist gut, dass sich die Schüler Gedanken machen um die Probleme der heutigen Minderheiten" (52). Vielleicht sollten wir daraus also auch lernen, dass wir als Bürger die Gesetzgebung nicht nur als abstraktes Konstrukt betrachten dürfen, sondern sie und unsere Politiker, die dafür verantwortlich sind, im Auge behalten sollten, damit unser Recht handhabbar bleibt und sich nicht zu sehr in restriktive Details verfängt, die Willkürmaßnahmen möglich machen.

 

Nikoline Hansen

 

Ingeborg Hecht: Als unsichtbare Mauern wuchsen. Eine deutsche Familie unter den Nürnberger Rassengesetzen
München – Hamburg: 1993
Preis: 9,80 EUR, ISBN: 3-926174-57-9
Auch auf 1 CD, gelesen von der Autorin, 66 Min., mit einer Einführung von Ralph Giordano
Preis: 12 EUR, ISBN: 3-935549-80-6

Ingeborg Hecht: Von der Heilsamkeit des Erinnerns
München – Hamburg: Dölling und Galitz 2004
Preis: EUR  9,80, ISBN: 3-935549-88-1