Die Mahnung 51/Nr.3     1. März 2004

 

 

denk!MAL

 

Unter diesem Titel lud der Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses Walter Momper zum zweiten Mal Berliner Jugendinitiativen ein, anlässlich des Holocaust-Gedenktages ihre Arbeit zu präsentieren.

Der Wettbewerb steht in guter Tradition. Im Jahr 1996 wurde der 27. Januar von Roman Herzog als Holocaust-Gedenktag eingeführt, den der damalige Abgeordnetenhauspräsident Herwig Haase zum Anlass nahm, für den Jahrestag 1998 einen Schülerwettbewerb auszu­loben. Die daraus hervorgehenden Aufsätze wurden dann in einer kleinen Feierstunde im Abgeordnetenhaus verlesen.

Für das Projekt „treffpunkt der ideen, initiativen und möglichkeiten“, das am 20. Januar 2003 stattfand (Dokumentation unter www.bedenkmal.de oder beim Abgeordnetenhaus von Berlin, Referat Öffentlichkeit, Niederkirchnerstr. 5, 10111 Berlin, E-Mail rene.roegner-francke@parlament-berlin.de) wurde dann bereits ein eigenes Projektbüro ins Leben gerufen, das die Koordination sowie die Vor- und Nachbereitung übernahm.

Inzwischen wurde der in kleinem Rahmen gestartete Gedenktag damit zu einer gut organi­sier­ten Veranstaltung, die einer breiten Anzahl von Projekten, Initiativen, aber auch Einzel­per­so­nen die Möglichkeit bietet, sich im Rahmen einer Ausstellung und einer Art „bunten Abend“ zu präsentieren. Besonders erfreulich ist, dass es gelang, in erheblichem Maße Sponsoren zu finden, die Preise für die Schüler stifteten und auch die Öffentlich­keits­arbeit in aufwändi­gerem Rahmen ermöglichten.

In diesem Jahr fand die Präsentation der Projekte am 19. Januar statt. Die Ausstellung wurde bis zum 26. Januar im Casino des Abgeordnetenhauses gezeigt, die Dokumentation ist unter www.denkmal-berlin.de zu sehen. Dabei beeindruckte vor allem die Tatsache, dass sich die Jugendlichen teilweise sehr intensiv mit der Problematik des Holocaust beschäftigt hatten. Mit einbezogen waren auch Projekte, die sich um Toleranz und Überwindung von Fremden­feind­lichkeit bemühen, also das Thema der Verfolgung aktuell begreifen. Dem der Thematik vertrauten Betrachter bot sich daher ein sehr undifferenziertes Bild, denn die Präsentation war unabhängig von der Qualität oder Themenbezogenheit des Dargebotenen ermöglicht worden.

Nun können wir es sicher nur unterstützen und begrüßen, dass Jugendliche überhaupt gewillt sind, sich mit dieser Thematik und verwandten Problemen auseinander zusetzen. Andererseits stellt sich aber doch die Frage, was etwa ein sicherlich unterstützenswertes Mädchenprojekt (www.madonnamaedchenpower.de) mit dem Holocaust zu tun hat. So geht, auch abgesehen von der zeitlichen Entfernung zum Gedenktag, der historische Bezug leider ein wenig ver­lo­ren. Das war ganz offensichtlich zu bemerken auch in der Moderation des Radio­mode­ra­tors Stephan Michme von Radio Fritz, eines Sponsors des Projekts, dessen professionell-frischer Ton den Ein­druck erweckte, dass zumindest er sich nicht ausreichend mit dem Thema des Abends befasst hatte. Seine Aufforderung, an diesem denk­wür­di­gen Abend im Abgeordneten­haus auch Spaß zu haben – verblüffte auch die im Anschluss auftretende Punkband (auch hier war der Bezug zum Holocaust für den unbedarften Zuhörer nicht unmittelbar nachvollziehbar) – aber statt Stimmung kam eher Betroffen­heit auf. Das zeigte, dass zumindest die Mehrzahl der anwesenden Jugendlichen sich sehr ernsthaft mit dem Thema „Holocaust“ (beziehungs­wei­se im erweiterten Rahmen mit Rassismus) auseinander­gesetzt hatten, und viele der dar­ge­botenen Aufführungen waren ausgezeichnet. Insofern bleibt zu hoffen, dass die nunmehr zu einer Institution gewordene Initiative fortgesetzt wird und weiterhin Berliner Jugendliche dazu aufgerufen werden, sich mit diesem unerfreulichen Teil der deutschen Geschichte zu beschäftigen und darüber nachzudenken. Dass dabei ein Bogen in die Gegenwart geschlagen wird, muss legitim sein. Allerdings sollte der historische Anlass auch nicht zu sehr aus den Augen verloren werden. Der Höhepunkt der Abendveranstaltung am 19. Januar waren dann auch der Auftritt von Petra Rosenberg, die aus dem Buch ihres Vater Otto Rosenberg las, und ihrer Schwester Marianne Rosenberg, die sich als Liedermacherin eines nachdenklich stimmenden Liedes präsentierte – ein gelungener und krönender Abschluss, der es schaffte, das richtige Spannungsverhältnis zwischen Geschichte und Gegenwart herzustellen.

 

Nikoline Hansen