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Die Mahnung 52/ 8/9  1. August/1. September 2005

 

„Denkmal für die Ermordeten Juden Europas“

 

Am Donnerstag, dem 12. Mai wurde das Denkmal für die ermordeten Juden Europas für die Öffentlichkeit frei gegeben. Der Andrang war deutlich größer als auf dem Israeltag, der als Straßen­fest auf dem Potsdamer Platz angekündigt doch eher spärlich besucht war – trotz Kaffee, Kuchen und Apfelsinen. Hier macht die israelische Botschaft Werbung zur Ankurbe­lung des fast zum Erliegen gekommenen Tourismus: im April 2005 ist endlich das Reise­journal GoIsrael in neuer Auflage erschienen und die Webseite wurde aktualisiert, es gibt ein Preisausschreiben mit einer Israelreise als Hauptgewinn. Wir feiern den vierzig­jährigen Jahrestag der diplomatischen Beziehungen. Und immerhin wird der Yom HaAtzmaut, der Unabhängigkeitstag Israels als Israeltag zum ersten Mal überhaupt in Deutschland öffentlich gefeiert – sicher ein Fortschritt. Hier also die lebenden, dort die ermordeten Juden. Das Denkmal ist gut besucht, einige Besucher sitzen in der Sonne und ruhen sich aus, andere Stelen sind noch feucht vom letzten Regenguss, Kontemplation kann beim Besuch nicht aufkommen, denn ganz verschwindet der Bezug zum heutigen Berlin auch in den tiefen Stelen­tälern nicht, die bereits von der Berliner Vogelwelt gezeichnet sind. über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, über Assoziationen wohl weniger. So wirken die Stelen doch wie ein gigantisches Grabmal, insbesondere bei schräger Beleuchtung durch die Sonne, denn dann schimmern sie mit einmal nicht mehr dunkelgrau sondern sandfarben wie die Gräber am Ölberg. Was fehlt ist die Individualität der Stelen und vor allem der Zahn der Zeit, dem mit technischen Verfahren bei der Verarbeitung des Betons bereits vorgebeugt ist. Nichtsdesto­trotz – diese Assoziation darf es zwar geben, einen Friedhof wollten und konnten wir aber nicht bauen – auch wenn dies eine Intention der Mitinitiatorin gewesen zu sein scheint, wie sie in ihrer Eröffnungsrede offenbarte. Der Applaus blieb aus, und die Betroffenheit war echt, aber sicher anders als Lea Rosh sie sich vorgestellt hatte. Mir ver­schließt sich die Vorstellung, wie man es ertragen kann den Backenzahn eines ermordeten Menschen in die Tasche zu stecken und dann jahrelang wie eine Reliquie zu bewahren. Dass es einen ruhelos werden lässt ist verständlich. Der Zahn hätte mit den anderen überresten der Gemordeten am Fundort bleiben müssen. Dafür zu sorgen, dass an Ort und Stelle würdig mit der Asche der Toten umgegangen wird, wäre eine gute Tat gewesen, die ja nun auch in den anderen Gedenkstätten geübt wird. Sie quasi als zurückerobertes Beutestück in nächster Nähe von Goebbels ehemaliger Dienstvilla und wenige hundert Meter vom ehemaligen „Führer­bunker“ entfernt für die Ewigkeit deponieren zu wollen ist eine erstaunliche Idee.

Dem Mahnmal fehlt es nicht an deutscher Gründlichkeit: Dem Informationsblatt entnehmen wir neben den üblichen Angaben wie Öffnungszeiten und einer Chronologie die „Zahlen zum Denkmal“: Größe des Stelenfelds 19.073 m²; 2.711 Stelen aus hochwertigem Beton, jeweils 0,95 m breit und 2,38 m lang, hohl, mit Neigungen von 0,5° bis 2° davon 303 Stelen mit Höhen über 4 m … 112 ebenerdige Stelenplatten, Gewicht …, Pflasterfläche 13.100 m² mit 13 Wegeachsen für Behinderte (!), 41 Bäume im Stelenfeld. Selbst die Maße des Buchladens (46m²) sind verzeichnet. Gedanken hat man sich auch um die Würde des Ortes und die Sicher­heit der Besucher gemacht. Kaum sichtbar weist eine in den Boden eingelassene Hinweistafel, edel gestaltet und ausschließlich in deutscher Sprache auf die Regeln des Denkmal­besuches hin: Kein Rennen zwischen den Stelen, kein Radfahren, Skaten, lautes Rufen. Kein Hüpfen und Lagern auf den Stelen, kein Sonnenbaden. Keine Hunde. Am Tag der Eröffnung saßen erschöpfte Besucher auf den Stelen und sonnten sich, Kinder spielten Versteck und in der Tages­schau sah man auf den Stelen hüpfende Jugendliche: Die Öffentlichkeit hat Besitz genommen von einem neuen interessanten Ort. Der ohne Tradierung keinen Sinn und wahrscheinlich nicht einmal Anlass zu Assoziationen gäbe.

Eine andere Sache ist der unterirdische „Ort der Erinnerung“, der einem wie die Beschäfti­gung mit dem Thema Holocaust üblicherweise auf den Magen schlägt. Er kombiniert Information mit subtiler Didaktik, unter Einsatz moderner multimedialer Technik, die den Besucher zu Interaktion anregt. Nach den einführenden chronologischen Fakten der Vernich­tung der europäischen Juden folgt ein Raum mit deprimierenden Zeugnissen der Gemordeten – eingelassen in den Boden und von unten beleuchtet, sodass ein Betrachten nur mit gesenk­tem Kopf möglich ist. Das ist bei gefülltem Raum ein erstaunlicher Anblick wenn man zur Vorbeugung vor Genickstarre gezwungen ist mal kurz geradeaus zu sehen – eine Ansamm­lung gebeugter Menschen wahrhaftig zu Tränen gerührt. Im virtuellen Entwurfsbild des Katalogs ganz unrealistisch wiedergegeben mit geradeaus schauenden Modellen. Insgesamt eine sehr beeindruckende, emotional anrührende Ausstellung, die nicht 1:1 im Katalog wiedergegeben ist. Nur an zwei Stellen ist sie auffällig: bei einer der vorgestellten Familien fehlt das Gruppenbild – verfolgungsbedingt, wie die Unterschrift unter der weißen Scheibe erklärt. Bei einem anderen Bild sind die Gesichter durch nachträgliche Zeichnung entstellt – eine Erklärung hierfür fand ich nicht. Den Persönlichkeiten der Dargestellten entsprach diese bildliche Widergabe sicher nicht. Was die Ausstellungsmacher dazu bewegte, dieses Bild unkommentiert auszuwählen, ist mir ebenso wenig klar wie die Wichtung der Herkunft der beschriebenen Familien. Abgesehen davon ist die Inszenierung beeindruckend, die Fakten und Dokumente sprechen natürlich für sich. Das minimiert den mahnenden Zeigefinger. Das Gedenkstättenportal am Ende ist etwas umständlich zu bedienen und wäre natürlich eine gute Sache im Internet – schon aus diesem Grunde tritt es in einer Art abgespeckten statischen aber illustrierten „Offline“-Version in eine merkwürdig anmutende Konkurrenz zum Konzept der Vernetzung im Gedenkstättenforum der Topographie des Terrors. Hier wäre ein Synergie­effekt zugunsten der Internetversion des Gedenkstättenforums wünschenswert.

Der Katalog zum Denkmal ist durchaus überzeugend, bietet er doch in Ergänzung zur Ausstellung noch weitergehende Information und gibt so ein handliches Kompendium zur Hand: über die Intention des Denkmals sowie der Ausstellung und auch als geschichtlichen Abriss über den Versuch, die europäischen Juden zu vernichten. Er bietet eine kleine Auswahl an Dokumenten. Auch eine Zusammenfassung über die deutsche Erinnerungskultur bis in die Gegenwart fehlt nicht (Reinhard Rürup). Das alles auf dem aktuellen Stand der Forschung, dem Förderverein und der Förderung durch die Bundesregierung zu verdanken.

Es ist eine wirklich gute Sache, dass die in Yad Vashem gesammelten Daten an diesem Ort nun auch in Berlin, der Metropole in der die Ermordung der Juden Europas maßgeblich geplant wurde, verfügbar gemacht werden. Allerdings darf darüber in Deutschland nicht vergessen werden, dass hier die vorrangige Aufgabe bleiben muss über die Täter aufzuklären. Nur indem wir diese Mechanismen verstehen lernen können wir verhindern, dass sich Ungeheuerliches wiederholt.

 

Das Böse ist wohl oft banal. Glücklicherweise ist nicht alles Banale böse.

 

www.stiftung-denkmal.de Cora-Berliner-Str. 1, 10117 Berlin, Deutschland

Kontakt: besucherservice@stiftung-denkmal.de  Tel. 030 740 729 29

Öffnungszeiten Stelenfeld täglich 24 h; Ort der Information täglich 10.00-20.00 Uhr, letzter Einlass 19.30 Schließtage 1. Januar, 24.-26. Dezember, 31. Dezember. Eintritt frei.

 

Katalog in der Ausstellung € 9,90

Materialien zum Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

Berlin: Nicolai 2005, Buchhandelsausgabe ISBN 3-89479-221-3

 

 

Nikoline Hansen