©Die Mahnung

Die Mahnung 52/6  1. Juni 2005

 

Europas Juden im Mittelalter

 

Bis Ende August zeigt das Deutsche Historische Museum (DHM) in Zusammenarbeit mit dem Historischen Museum der Pfalz, Speyer die Ausstellung "Europas Juden im Mittelalter". Die Ausstellung zeigt deutsche Geschichte im europäischen Kontext und verfolgt damit auch das Konzept des Deutschen Historischen Museums. Wie der Generaldirektor Prof. Dr. Hans Ottomeyer fest stellt, ist ein wesentliches Ziel der Ausstellung, das falsche Bild des Mittelalters zu revidieren. Zudem zeigt sie, dass einer Verkürzung der Sicht auf die Opferrolle der Juden, wie sie gegenwärtig gerne betrieben wird, nicht das Wort geredet werden könne: das beweisen eindrucksvoll die mannigfaltigen kulturellen Errungenschaften in Mitteleuropa, die Juden damals erbrachten, und wovon die gesamte Gesellschaft profitierte: sei es im naturwissenschaftlichen Bereich, wo Juden etwa in der Medizin nicht zuletzt wegen ihrer Sprachkenntnisse auf die arabischen Erfahrungen zurückgreifen konnten, sei es in Mathematik und Astronomie, wichtigen Grundlagen für die erfolgreichen Seefahrten und damit die Entdeckung neuer Kontinente. Auch in den Geisteswissen­schaften waren Juden Vordenker. Eindrucksvoll sind die auf speziellen Bücherwiegen präsentierten teilweise sehr farbenfrohen Bände, die auch dem Betrachter ohne Hebräischkenntnisse etwas von dem interessanten Inhalt vermitteln. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang eine CD-Rom, auf der man in den faksimilierten Seiten hebräischer Handschriften blättern und sich eine deutsche Übersetzung einblenden lassen kann – ein optimaler Einsatz multimedialer Errungen­schaften, der zur weiteren Beschäftigung mit dem Thema anregt.  Ein weiterer Schwerpunkt der Ausstellung ist die Synagogenarchitektur. So kann man nicht nur durch die ausgestellten Originalfragmente einen Eindruck des Charakters der mittelalterlichen Speyerer Synagoge gewinnen, mit Hilfe von Sponsoren ist auch eine 3 D Rekonstruktion erfolgt, die in einem in der Ausstellung gezeigten Film einen Eindruck davon vermittelt, wie die Synagoge in ihren verschiedenen Perioden der Existenz auf den Besucher gewirkt hat. Eines der zentralen Ausstellungsstücke, leider nicht im Katalog, ist die so genannte Thorarolle von Krautheim, die älteste überlieferte Thorarolle, in Spanien auf Leder geschrieben und von der wechselhaften Geschichte gezeichnet. Sie wurde anlässlich der Ausstellung erstmals aus Jerusalem wieder nach Deutschland entliehen. Eine  Altersbestimmung  mit naturwissenschaftlichen Methoden – DNA-Analyse und C14 steht noch aus, so die Projektleiterin Karin Birk. Ein weiteres bemerkenswertes Ausstellungsstück ist ein Thorazeiger aus Holz (Posen 1521), der sowohl hinsichtlich seines Materials (Holz) und seiner Größe (57cm lang) einzigartig ist, zumal er als ein echtes „Multitool“-Instrument daherkommt: er hat als Zusatzfunktion noch ein Gewürzkästchen und dient als Halter für die Hawdala Kerze. Soweit die eher unbekannten Seiten des Mittelalters, aber auch die sonst so oft im Vordergrund stehende Geschichte der Verfolgung und Vertreibung wird angemessen thematisiert: davon zeugt nicht nur die Thorarolle, die von Feuerspuren und Wasserschäden gezeichnet ist, sondern gerade auch die Schatzfunde, die nach Zusammensetzung und Fundort darauf schließen lassen, dass sie jüdischen Bankiers gehörten. Die Ausführungen des wissenschaftlichen Leiters der Ausstellung, Dr. Werner Transier vom historischen Museum Speyer zeigen deutlich die Zusammenhänge auf, die sicher mit ursächlich wurden für die Judenverfolgungen im Mittelalter – denn die Juden waren anderen Bevölkerungsgruppen nicht nur auf wissenschaftlichem Gebiet teilweise weit überlegen, sondern auch finanziell erfolgreich – wovon eben diese Schatzfunde zeugen. Hass und Neid waren daher  sicher grundlegende Faktoren für die zuerst vereinzelten Pogrome, die dann zu überregionalen Pogromwellen zur Vorbereitung des Ersten Kreuzzugs 1096 und bei Ausbruch der Pest 1348 wurden. Ein besonders großartiger Schatzfund stammt aus Erfurt, der einen Eindruck von eben dieser schrecklichen und wechselvollen Geschichte vermittelt.  

Die Ausstellung zeigt insgesamt mehr als 300 Objekte von mehr als 80 Leihgebern aus Europa und Israel, in Berlin nach Speyer in zweiter Station aber wegen der Empfindlichkeit einiger Exponate in neuer Zusammensetzung.  Es lohnt sich in jedem Fall, ausreichend Zeit zur Besichtigung mitzubringen, denn die gezeigten Ausstellungsstücke sind wirklich einmalig und von überwältigender Aussagekraft. Sie werden in dieser Zusammensetzung wohl nicht so bald wieder zu sehen sein, obwohl sie in ihrer Gesamtheit von einem für die Geschichte der Juden in Europa sehr bedeutsamen Zeitabschnitt erzählen.

 

Eine CD mit faksimilierten hebräischen Handschriften und einblendbaren Übersetzungen kann im Museumsshop für EUR 30,-- erworben werden. Der Katalog zur Ausstellung ist im Hatje Cantz Verlag erschienen, hat 288 Seiten mit zahlreichen farbigen Abbildungen und kostet 19,90 €.

 

PEI-Bau / UG, 23. April bis 28. August 2005

Öffnungszeiten täglich 10.00 - 18.00 Uhr. Der Eintritt in die Häuser und Ausstellungen beträgt Dienstag bis Sonntag: 2,- €; Montag: Eintritt frei

Führungen Montag, Donnerstag, Freitag und Samstag 16.00 Uhr,

Sonntags: Familienführung 11 Uhr, Preis pro Teilnehmer: 4 € (unter 18 Jahren frei)

 

Vorträge im Rahmen der Ausstellung:

 

Die Juden im spanischen Mittelalter. Ausführungen zu ihrer Geschichte
Dr. Javier Castaño, Rat für Wissenschaftliche Forschung Spaniens
Mittwoch, 8. Juni 2005, 18.00 Uhr

Die mittelalterliche Synagoge von Speyer – Die Ruine und ihre virtuelle Rekonstruktion
Dr. Werner Transier, Historisches Museum der Pfalz Speyer
Mittwoch, 15. Juni 2005, 18.00 Uhr

 

Nikoline Hansen