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Die Mahnung 52/7  1. Juli 2005

 

Zwei Ausstellungen im Deutschen Historischen Museum

 

Das Deutsche Historische Museum präsentiert "1945 - Der Krieg und seine Folgen Kriegsende und Erinnerungspolitik in Deutschland".

Der Titel ist etwas ungenau so wie die ganze Schau. Letztendlich war das dritte Reich Ursache für den Krieg und damit auch für die Erinnerungspolitik. Wie uns zur Einführung entschuldigend erläutert wird, ist die Ausstellung in nur kurzer Zeit und mit ca. 500 willkürlich gebotenen Exponaten, die neugierig machen sollten, zustande gekommen. Die Präsentation leidet unter diesem Zeitmangel der Erarbeitung und unter Unklarheiten. Angeboten wird, ich zitiere: "Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums zum 60. Jahrestag des 8. Mai 1945. Der 8. Mai 1945 markiert als Datum das Ende des Zweiten Weltkriegs. Dem Blick auf das zerstörte Europa folgt die Darstellung der Kriegsfolgen in den beiden deutschen Staaten. Das Schicksal von Flüchtlingen, Vertriebenen, Displaced Persons, Kriegsgefangenen und Heimkehrern wird thematisiert, die neuen Grenzen Europas, der wirtschaftliche Wiederaufbau und der Mythos von der 'Stunde Null' werden erinnert. Ein zweiter Schwerpunkt der Ausstellung konzentriert sich auf die Frage, wie aus gegnerischen Staaten Verbündete und Partner wurden. Die demonstrative Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als 'Friedensgrenze' in der DDR und die Politik der Westintegration der Bundesrepublik verschärften zunächst die innerdeutschen Spannungen, bevor die neue Ostpolitik eine Annäherung an die osteuropäischen Staaten ermöglichte. Der zeitliche Bogen erstreckt sich vom Kriegsende bis in die Gegenwart. Die Ausstellung hat eine Fläche von 500 qm." Aus dieser hier wiedergegebener Ankündigung und den im Flyer fettgedruckten Themen: Aspekte des nationalsozialistischen Krieges + Zerstörtes und befreites Europa + Flüchtlinge und Vertriebene + Kriegsverbrecherprozesse und Entnazifizierung + Versöhnung mit Frankreich + Die neue Ostpolitik + Die Wiederaufnahme Deutschlands in die internationale Sportgemeinschaft + Die Auseinandersetzung um die Wiederbeaffnung der Bundesrepublik + Der 8. Mai in der DDR als 'Tag der Befreiung' geht hervor, dass die "Erinnerungspolitik" nicht auf das verursachende System Bezug nimmt. Der Umgang mit dieser Erinnerungspolitik ist deprimierend nebensächlich und willkürlich. Vergeblich sucht der Besucher z.B. nach der Verjährungsdebatte, die im westlichen Raum Erinnerungspolitik mit geprägt hat. Besorgt und mitfühlend habe ich junge Leut beobachtet, die versuchten, sich in dieser Repräsentation ein Bild vom historischen Geschehen zu machen. Z.B. lesen wir auf Tafel 1: "Privatpersonen knüpften auch Kontakte zu Menschen in Ländern jenseits der Bündnisgrenze", um dann an anderer Stelle auf Tafel 5 die Information zu finden, dass "Bürger der DDR wegen der beschränkten Reisemöglichkeiten weniger intensiv austauschen konnten". Ein heute zwanzigjähriger Besucher der Ausstellung kann an die Reiseprobleme der DDR-Bürger keine Erinnerung haben und bekommt einen verharmlosenden Eindruck. Bei diesem Bild wird der unbändige Freiheitsdrang im Jahr 1989 kaum verständlich. In dieser Ausstellung fehlt u.a. der Platz, der der Verfassung der Bundesrepublik in unserer deutschen Nachkriegsgeschichte gebührt und die für unser Selbstverständnis zu hüten Lehre aus der Vergangenheit ist. Das völlige Verschweigen von Diktatur auf der einen und Freiheit auf der anderen Seite ist weder mit Kurzfristigkeit der Vorbereitung noch Platzmangel zu entschuldigen. Die Tendenz dieses mit heißer Nadel genähten Patchwork ist erschreckend, und man muss nach dem Gang durch diese Präsentation der Dauerausstellung mit Besorgnis entgegensehen. Als ein besonderes Glanzstück der Ausstellung wird eine sehr solide schwere Holztruhe präsentiert, die, wenn man den Fluchtstrom miterlebt hat, vermutlich nur von einem Nazibonzen gerettet werden konnte. Das Mitleid, das erzeugt werden soll mit dem auf so kleinen Raum geschmolzenen Eigentum ist unrealistisch, sentimental und politisch schlimm. Bedenkt man den Umgang mit Menschen "2. Klasse" im nationalsozialistischen Regime in ganz Europa, so mutet diese deutsche Nabelschau recht wehleidig an.

Es ist sehr zu empfehlen, um wenigstens in einem wesentlichen Teilaspekt in die Realität zurückzufinden, die im Erdgeschoss gezeigte ausgezeichnete Ausstellung "Legalisierter Raub" zu besuchen. In dieser sehr bemerkenswerten Ausstellung findet sich der Besucher zufrieden in der Realität deutscher Geschichte wieder. Hier stimmt alles. Die Präsentation ist sehr gut durchdacht und sinnlich wunderbar anrührend. Die Idee an jedem Ausstellungsort zu forschen, um das Argument: "bei uns war das nicht so" zu entkräften, ist genial. Anhand von Lebensgeschichten wird der "organisierte Raubmord", wie ihn Tilly Cahn bezeichnet, erschütternd aufgezeigt. Die Ausstellung "Legalisierter Raub" zeigt Forschungsergebnisse über die wichtige Rolle des Reichsfiskus bei der Verfolgung der Juden in Hessen. Behandelt werden in drei Themenstellungen "Die Opfer der fiskalischen Ausplünderung", "Die Angehörigen der Reichsfinanzverwaltung und die Verfolgung der hessischen Juden" und "Die Nutznießer". Der geschickte Aufbau der Ausstellung zwingt den Betrachter zunächst Einzelschicksale kennen zu lernen, um an anderer Stelle zu erfahren, wer Opfer, Nutznießer oder Täter war. Begonnen haben die Aussteller mit 15 Vitrinen, in denen jeweils die Geschichte eines Opfers der Ausplünderung vorgestellt wird. Die in Hessen erstellte Ausstellung ging dann auf Wanderschaft und wurde, angeregt durch die Distanzierung an anderen Orten "aber bei uns war das nicht so" am jeweiligen Ausstellungsort um zwei Vitrinen ergänzt. Inzwischen umfasst sie 36 Vitrinen, und auch Berlin ist mit einbezogen worden. Die Entlarvung der "ahnungslosen Bevölkerung" steht im krassen Kontrast zu der erstbesprochenen Ausstellung. Dem Deutschen Historischen Museum ist zu danken, dass es die Räume zur Verfügung gestellt hat. Ferner bleibt Dank zu sagen dem Fritz Bauer Institut und seinem Direktor Micha Brumlik für diesen Beitrag zur deutschen Geschichtsschreibung sowie allen, die mitgearbeitet haben.Last but no least den Sponsoren und Förderern:
Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst
Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen
Stiftung Preußische Seehandlung

Publikation "Legalisierter Raub" 5 EURO
Die Ausstellung "1945 - Der Krieg und seine Folgen" wird begleitet von Begleitmaterial für 8 EURO und einem Katalog für 20 EURO

Epilog
Von Besuch aus England befragt, habe ich u.a. auch über die Ausstellungen berichtet und den letzgenannten Katalog gezeigt. Kommentar: "That should never have been published in Germany". Unser Freund Jim war britischer Befreier und Besatzer in Berlin, hat eine Berlinerin geheiratet und verfolgt mit Interesse und regelmäßigen Berlinbesuchen seither die politische Lage. Ich habe mich geschämt, auf die Frage, wer diese Buch veröffentlich hat, antworten zu müssen: das Deutsche Historische Museum.

Rosemarie Hansen