©Die Mahnung

Die Mahnung 53 1/2  1. Januar/1. Februar 2006

 

Migrationen 1500 - 2005

Bis zum 12. Februar zeigt das Deutsche Historische Museum eine sehr ambitionierte Ausstellung, die sich mit einem zentralen Thema deutscher Identität befasst: Der Migration. Die Ausstellung ist nicht nur aufgrund ihrer zeitlichen Umspannung von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart sehr an­spruchs­voll, sondern auch aufgrund der Vollständigkeit, mit der sie die Geschichte auf doch ver­hält­nis­mäßig kleinem Raum präsentiert. Dabei geht es um Auswanderungsbewegungen, vor allem aber um die Einwanderung, die deutlich restriktiv gehandhabt wurde. Frühes Zeugnis ist ein Relief­stein vom alten Rathaus Bergen-Enkheim mit einem Narren und der Aufschrift „far du gauch 1479“ – ins Neudeutsche übersetzt „Verschwinde, du Gaukler“ – dessen Interpretation als „Abweise­schild“ (Katalog S. 182) gegen unerwünschte Besucher wie Bettler, Vaganten, Landstreicher und „Zigeuner“ recht eindeutig ist; für letztere wurde im Jahr 1727 zusätzlich ein „Zigeunerstock“, quasi also eine offizielle Verbotstafel in der Nähe des Steins aufgestellt, die das Verbot mit der fälligen „Jauner u. Zigeiner Straf“ (Auspeitschen am Galgen) bildhaft schildert. Besonders Juden und Zigeuner galten dabei lange Zeit als „kriminelle Vaganten“. Ein weiteres Beispiel ist das Hamburger Millentor, das spätestens seit Beginn des 18. Jahrhunderts der einzige für Juden erlaubte Zugang zur Stadt war.

Die verschiedenen Wanderbewegungen werden anhand von Einzelschicksalen thematisiert, wobei Anlass entweder die wirtschaftlichen Notwendigkeiten oder verfolgungsbedingte Zwänge waren. So war das wandernde Handwerk und die Verbreitung handwerklichen Wissens eine erwünschte Migra­tion, die zu wirtschaftlichem Aufschwung führte. Teilweise bestand auch schlicht die Not­wendig­keit, qualifizierte Arbeitskräfte oder Saisonarbeiter zu akquirieren. Ein wichtiges Beispiel für verfolgungs­bedingte Migrationsbewegungen sind die Hugenotten, denen eine eigene Ausstellung gewidmet ist, in der die Integration der Zuwan­derer im Verlauf mehrerer Generationen und ihr wichtiger Beitrag für das Wohlergehen Deutschlands aufgezeigt werden. Weitere Themen sind die Emigration nach Amerika im und die Zuwanderungen besonderes aus dem Osten vor dem Ersten Weltkrieg.

Einen deutlichen Einschnitt stellt dann die Zwangsmigration der national­sozialistischen Politik dar. Das Erspüren der drastischen Änderung bleibt dabei dem Betrachter überlassen und wirkt nach in der Schilderung der unterschiedlichen Politik der beiden deutschen Staaten nach 1949, die sich ja mit den direkten Folgen in Form der Umsiedlerproblematik und dem Lastenausgleich beziehungsweise der Bodenreform auseinandersetzen musste. Auch der Verweis auf die innerdeutsche Migration (Stichwort Notaufnahmelager) fehlt nicht. Während später in der DDR Ausländer zwar auch als Arbeitskräfte gebraucht wurden, wurden sie doch als Sicherheitsrisiko betrachtet und es spricht viel für die im Kata­log formulierte These, dass hier erhebliche rassistische Vorbehalte herrschten (133). In der Bundes­repu­blik Deutschland ist das Bild dagegen erheblich differenzierter und auch komplizierter – eine strate­gi­sche Politik ist dabei kaum erkennbar, vielmehr eine Mischung aus Notwendigkeit – also An­wer­bung der Gastarbeiter, Schuldbewältigung aus den Erfahrungen des Nationalsozialismus – also eine ver­hältnis­mäßig offene Asylpolitik und schließlich dem pragmatischen Versuch, das hieraus erwach­sene Problem in einen politisch vernünftigen Rahmen zu fassen. Und dies ist zugleich die Gegen­wart: Die Reform des Staatsbürgerrechts im Jahr 2000 und das seit 2005 geltende Zuwan­derungs­gesetz sind die aktuellen Endpunkte einer Jahrhunderte langen nicht nur rühmlichen Tradition deutscher Migrationen. Sie werden sich nun bewähren müssen.

Der Katalog bietet hilfreiche ergänzende Informationen, insbesondere zu Fragen der deutschen Staatsbürgerschaft. Er thematisiert ausführlich die Einbürgerungsschranken, die Juden– auch den so genannten Schutzjuden lange auferlegt waren, die ihr Aufenthaltsrecht mit erheblichen finanziellen Abgaben erkaufen mussten. Ein ergänzender Beitrag ist dem Thema „Migrations- und integrations­poli­ti­sche Entwicklungen, Herausforderungen und Strategien in ausgewählten EU-Staaten“ gewidmet, der die doch erheblichen Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern skizziert. Es ist sehr erfreulich, dass die Ausstellung einen komplexen und weitgehend wertfreien Beitrag zur Geschichte der Migration in Deutschland und damit eine umfangreiche Aufklärungs­arbeit leistet. Es bleibt zu hoffen, dass sie damit die aktuell notwendigen Debatten unterstützen kann.

Begleitpublikation:

Katalog Hugenotten, 448 Seiten, € 25,--

Katalog Migrationen, 384 Seiten € 22,--

Beide Kataloge zusammen € 42,--

PEI-Bau, 22. Oktober 2005 bis 12. Februar 2006

Öffnungszeiten täglich 10.00 - 18.00 Uhr. Der Eintritt in die Häuser und Ausstellungen beträgt Dienstag bis Sonntag: 2,- €; Montag: Eintritt frei. Weitere Informationen unter http://www.dhm.de/

Informationen zur Ausstellung Migrationen 1500 – 2005 unter < a href="http://www.dhm.de/ausstellungen/zuwanderungsland-deutschland/migrationen/ausstellung.htm">http://www.dhm.de/ausstellungen/zuwanderungsland-deutschland/migrationen/ausstellung.htm

Nikoline Hansen