Die Mahnung 49/1 1. Januar 2002

 

 

Werner Barasch

Entronnen – Survivor

Autobiographische Skizze der Jahre 1938 bis 1946

 

Es hat zweifelsfrei schon seltsame Wege gegeben, dem nationalsozialistischen Terrorregime zu entkommen, und oft sind die Autobiographien der Überlebenden geprägt von Zufällen oder unwahrscheinlich anmutenden Geschichten, die das Überleben möglich gemacht haben. Und sie sind vielfältiger, als auch nach über fünfzig Jahren noch gemeinhin angenommen oder vorstellbar. Eine ganz besondere Geschichte hat Werner Barasch zu erzählen, dessen Leben ganz offensichtlich bereits früh von einem einzigen Ziel geprägt wurde: Nazideutschland zu entkommen, zu überleben. Die Verfolgung dieses Ziels, überaus rational angegangen, hat den Einsatz wohl geplanter Strategien erforderlich gemacht, die Barschs autobiographische Skizzen aufzeigen, und von denen eine an erste Stelle rückte: der Einsatz der Sprache – oder genauer gesagt der Sprachen; denn der Weg, den Barasch aus Deutschland nehmen musste führte durch mehrere Länder: Italien, Schweiz, Frankreich, Spanien – und schließlich Amerika.

 

Dabei beeindruckt neben der Zielstrebigkeit des Autors die Distanz, mit der er sein eigenes Leben schildert – wie er selbst schreibt: „Im Gegensatz zu anderen Verfolgten, die den fürchterlichen Wahnsinn, der sich wie die Pest in Mitteleuropa verbreitete, vergessen wollen, habe ich nichts gegen die Erinnerung, wie ich entkommen bin. Ich lernte, dass eine Bedingung dafür, am Leben zu bleiben, die Handhabung von Streitigkeiten ist: Gegen eine Übermacht, das heißt ohne wirkliche Chance, muß man verhandeln oder sich zurückziehen. Die Erfahrungen haben meine Lebenseinstellung positiv verändert. Sie haben mir klar gemacht, dass ich nun gegen alles, was mir je passieren könnte, gewappnet bin“ (S. 108).

 

Nicht, dass das so unproblematisch abgelaufen wäre, wie das in der Zusammenfassung klingt. Barasch schreibt selbst, dass er jahrelang an bösen Träumen litt – bis er eines Tages durch einen speziellen Traum geheilt wurde. Nicht, dass seine Geschichte einfach, schmerzlos oder der Zielstrebigkeit angemessen gradlinig verlaufen wäre – aber immer steht eine Rationalität im Vordergrund, die fast erschreckend anmutet: etwa bei der Schilderung des Verhaltens deutscher Gefangener im französischen Lager Argelès, die, nachdem die Franzosen das Lager wegen der fortschreitenden Front aufgegeben hatten, „wie Verrückte im Lager herumliefen, bis die Deutschen kamen“ – eine Situation, die Barasch so kommentiert: „Ein vollkommenes Versagen von logischem Denken, der ersten Notwendigkeit zum Überleben“ (S. 92). Unnötig zu erwähnen, dass die mangelnde Initiative den Tod im Vernichtungslager bedeutete – aber haben die Betroffenen das wirklich glauben können?

 

Barasch entstammte einer wohlhabenden, gut bürgerlichen Familie: die Mutter promovierte Sprachwissenschaftlerin, der Vater ein erfolgreicher Kaufmann. Man lebte in einer Villa im Grunewald. Und: „Daß wir Juden waren, war in Deutschland vor Hitler Nebensache“ (S. 20). 1933 gewann diese Tatsache jedoch so an Bedeutung, dass sie das Leben der Familie entscheidend beeinflusste und zu grundlegenden strategischen Entscheidungen führte: „Vati war ein treuer Deutscher und achtete das Gesetz vor allem. ... Er sah ein, daß die Zukunft der Familie bedroht war, und daraufhin schickte er Mutti ins Ausland, um die Erziehung der Kinder sicherzustellen“ (S. 20). Der Vater allerdings bleibt – und wird nach der Beschlagnahme seines gesamten Vermögens 1942 im Konzentrationslager Sachsenhausen ermordet. Werner folgt seiner Mutter nach Italien, wo er als „verstörter Vierzehnjähriger“ in einem sehr guten Internat eingeschult wird und italienisch lernt – die erste Grundlage seines Sprachschatzes, der später mit dazu beitrug, sein Leben zu retten – und der ihm vielleicht auch half, logisch zu denken und die eigene Rettung derart als strategisches Unternehmen anzugehen.

 

Sonst gibt es nicht viel mehr zu sagen – die Geschichte ist interessant und lesenswert; der Autor belegt sie durch Dokumente, und das ist wohl besser so um die Glaubhaftigkeit seiner Odyssee zu untermauern, die ihn schließlich nach Amerika brachte, wo seine Mutter und ein Teil der Familie bereits lebten – er selbst hatte 1938 den ersten Visumsantrag erfolglos eingereicht.

 

Ein kleines ironisches Bonmot noch: Unter der Überschrift „Woran hakte es?“ („What was the Problem?“) schildert Barasch den Grund für die Verzögerung der Erteilung eines Visums für ihn noch nach 1945: die amerikanischen Behörden bezweifelten schlichtweg die Glaubwürdigkeit seiner Schilderungen, wie es ihm gelungen war, der Reihe der Lager und Gefängnisse zu entkommen, in denen er von 1939 bis 1945 interniert war und deren Insassen die Haft zumeist nicht überlebt hatten – eien Geschichte, die mit seiner Auslieferung an Frankreich durch die Schweiz begann: Erst die Bestätigung dieser ersten Verhaftung durch die Schweizer Grenzpolizei führte schließlich zur Erteilung des lange ersehnten Visums und damit der Zusammenführung mit dem verbliebenen Rest der Familie, Schwester, Vetter und Mutter, der er bis zur ihrem Tod sehr nah verbunden war.

 

 

 

Werner Barasch: Entronnen. Autobiographische Skizze der Jahre 1938 bis 1946

ISBN 3-89846-001-0

Werner Barasch: Survivor. Autobiographical Fragments 1938 - 1946

ISBN 3-89846-002-9

Frankfurt a.M.: Haag + Herchen, 2001

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Dr. Nikoline Hansen (Die Mahnung)