©Die Mahnung

Die Mahnung 50/10  1. Oktober 2003

 

Gegen Diktatur – Demokratischer Widerstand in Deutschland

1933-1945   1945-1989

 

Eine Ausstellung des Zentralverbandes demokratischer Widerstandskämpfer- und Verfolgtenorganisationen (ZDWV) und der Gedenkstätte Deutscher Widerstand

 

Den deutschen Widerstand zwischen den Jahren 1933 und 1989 in aller Kürze und damit auch geschichtsschreibend zu interpretieren scheint ein Anliegen der Ausstellung, die allerdings vor allem ein Ziel hat: Die ausgesprochen vielschichtigen Facetten des Widerstands angesichts zweier deutscher totalitärer Regime aufzuzeigen und in Form einer durchaus kompakten Wanderausstellung einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Hieraus ergibt sich zwangsweise das Problem der Auswahl – die einzelnen Aspekte des Widerstands können nicht so umfangreich dargestellt werden, wie das in einer größeren Ausstellung vielleicht der Fall sein könnte und ja auch in der Gedenkstätte selbst für die Zeit des Nationalsozialismus sehr umfassend geschieht. Daraus ergibt sich gleich ein Aspekt, der deutlich ins Auge springt: Die Darstellung für die Zeit des Nationalsozialismus wirkt wie aus einem Guss, sie ist logisch und in ihrer Gliederung völlig einleuchtend mit den markantesten "Stationen" des Widerstands sowohl im Sinne des organisierten Widerstands, der letztlich aufgrund seiner Bedeutung einen Umsturz hätte herbeiführen können wenn die Umstände glücklicher verlaufen wären, als auch in der Schilderung der Einzelkämpfer, allen voran Georg Elser, dessen Plan zwar kaum als demokratischer Widerstand bezeichnet werden kann, der aber in jedem Fall als Einzelkämpfer versucht hat, sich gegen die offensichtlichen Verbrechen Hitlers zur Wehr zu setzen – auch sein Attentatsversuch hätte die Weltgeschichte sicher zum Positiven beeinflusst, hätte er denn Erfolg gehabt. Dazu kommen die eigentlich selbstver­ständ­lich scheinenden Versuche, Verfolgten Hilfe zu leisten – auch diese müssen als Aspekt des Widerstands gewertet werden, da sie sich eindeutig gegen das herrschende System richteten. Als Beispiel sind Otto Weidt und Inge Deutschkron genannt, zwei Berliner Schick­sale, die weniger berühmt sind als Schindler aber zeigen, dass es eben doch einige Versuche gab, Verfolgte zu retten und ihnen zu helfen. Auch die evangelische Hilfsstelle für Rasse­ver­folgte fehlt mangels Platz, für den kirchlichen Widerstand stehen unter anderen Erich Klausener, Clemens August Graf von Galen und Dietrich Bonhoeffer.

Schwieriger zugänglich ist die Logik des zweiten Teils der Ausstellung, die sich mit dem Widerstand in der zweiten deutschen Diktatur 1945-1989 befasst. Es fällt auf, dass aus der spiegelbildlichen Anzahl der Tafeln heraus eine Gleichgewichtung erzwungen wird; dabei sind noch auf den jeweils ersten drei Tafeln die parallelen Ansätze gut nachvollziehbar und ermöglichen daher auch gut den Vergleich, der ja in der Titel- und somit auch der wissen­schaft­lichen Fragestellung präjudiziert ist (Das nationalsozialistische Herrschafts­system – Das kommunistische Herrschaftssystem; Widerstand gegen den Nationalsozialismus – Widerstand und Opposition in der DDR; Widerstand gegen die nationalsozialistische Machtübernahme – Widerstand gegen die Zwangsvereinigung von KPD und SPD). Besonders fällt auf, dass viele der dargestellten persönlichen Beispiele in den fünfziger und sechziger Jahren Doppeltver­folgte sind – was ganz offensichtlich kein Zufall ist sondern zum einen mit der Persönlichkeit der Betroffenen zusammenhängt, zum anderen mit der Tatsache, dass eben jene Sozial­demokraten und Kommunisten, die nach 1945 hofften ein sozialistisches Deutschland nach ihren Vorstellungen aufbauen zu können, im National­sozialismus verfolgt worden waren und sich nun einem neuen totalitären System nicht unterordnen wollten. Es fällt bei diesen Einzelbeispielen auf, dass – obwohl die Todesstrafe auch in der DDR verhängt wurde und dies in den Texten erwähnt wird - die als Beispiel aufgeführten Personen eher ein anderes Schicksal erlitten: Verurteilung, Haft und Flucht oder Freikauf durch die Bundesrepublik. Nun ist bei einem Vergleich zwischen den beiden Diktaturen sicherlich das einzig Unmög­liche die Toten gegeneinander aufzuwiegen – es hat in beiden deutschen Staaten zu viele gegeben. Und die ungeheuerliche Hinrichtungswelle im letzten Kriegsjahr zeigt, zu was ein totalitärer Staat fähig ist, wenn er sich in seiner Existenz gefährdet sieht. Der Unterschied fällt aber auf. Und als erstaunlichste Facette ergibt sich somit die Bestechlichkeit, an der die zweite deutsche Diktatur zugrunde gegangen zu sein scheint. Während es Exilanten während des Nationalsozialismus schwer hatten, illegale Arbeit in Deutschland zu betreiben und dies nur in wenigen Fällen möglich war – bekanntes Beispiel ist Willy Brandt, und zudem die meisten der mehr als halben Million Deutschen, denen die Flucht ins Ausland gelungen war froh waren, ihr nacktes Leben gerettet zu haben, wurde Ausbürgerung in der DDR vom Staat betrieben in der Hoffnung, sich der Querulanten zu entledigen und/oder sich dringend benötigte Devisen zu beschaffen. Auch wenn man das entsprechende Kapitel "Kampf aus dem Exil" vermisst, liest man doch auf einigen Tafeln, dass der Kontakt zu Oppositionellen in der DDR bestehen blieb bzw. deren Unterstützung aus dem Westen wirkungsvoll fortgesetzt wurde. Auch hier vielleicht ein Unterschied: die Ausbürge­rung aus der DDR dürfte weit weniger traumatisch als die Flucht aus dem Nazideutschland gewesen sein und – ein entschei­dender Vorteil, es gab einen anderen deutschen Staat, in dem sich die Ausgebürgerten frei bewegen konnten. Dies soll keineswegs das Unrecht relativieren sondern nur verdeutlichen, dass die Situation eben doch völlig anders war. Interessant in diesem Zusammenhang auch, dass die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 eine Katalysatorwirkung zu haben schien, die die Proteste intensivierte und zu organisierten Untergrundbewegungen führte. All dies konnte hier im Rahmen dieser Ausstellung sicher erst ansatzweise herausgearbeitet werden, so dass für diesen jüngeren Teil der deutschen Geschichte noch viele Fragen offen bleiben.

Ein höchst interessantes Ergebnis offenbart die letzte Ausstellungstafel „Die friedliche Revolution 1989/90“: In den einzigen freien Wahlen zur Volkskammer wurde die SED mit 16,4% der Stimmen klar auf die Oppositionsbank verwiesen – damit scheinen aber immerhin fast 20 Prozent der Bevölkerung bereit gewesen zu sein, die Diktatur vorbehaltlos zu unterstützen. Wahrscheinlich wäre das Ergebnis freier Wahlen im Jahr 1945 anders ausgefallen – auch hier ist also kein Vergleich möglich. Das ist wahrscheinlich auch besser so. Die Widerstandskämpfer im Nationalsozialismus waren recht einsam in ihrem Kampf. Die Oppositionellen in der DDR wagten es schließlich, auf die Straße zu gehen. Sicher ein mutiger Schritt, denn es hätte auch immer noch anders ausgehen können. Zwei Diktaturen, zwei Beispiele für ein Ende: das erste mit einem Blutbad und dann bis zum bitteren Ende, das zweite weitgehend friedlich.

Diese Ausstellung eröffnet, indem sie neue Wege geht und diese Gegenüberstellung im Ansatz wagt, auch neue Perspektiven. Sie kann das Interesse an der Thematik wecken und zum Nachdenken anregen – und vielleicht auch zum Weiterlesen oder Weiterforschen. Es ist ihr zu wünschen, dass sie weite Wege gehen und rege nachgefragt wird. Dabei soll die brei­te­re Öffentlichkeit nicht nur über die Wanderschaft der Ausstellung, sondern auch über das Inter­net erreicht werden: unter www.gegen-diktatur.de ist die Ausstellung ebenfalls zu sehen. Vielleicht würde sich auch noch eine Version auf CD für PC-Besitzer, die keine Standleitung für das Internet haben, als kostengünstiges Medium für die weitere Verbreitung anbieten.

Seit dem 19. Juli 2003 ist die Ausstellung „Gegen Diktatur – Demokratischer Widerstand in Deutschland“ in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand zu sehen. Als Wanderausstellung konzipiert wird sie vom 8.-18. September noch einmal in Berlin im Deutschen Bundestag (Paul-Löbe-Haus) gezeigt und geht vom 3.-27. Oktober 2003 voraussichtlich in die Kirchengemeinde Ribbeck.

 

Ausleihbedingungen auf Anfrage. Informationen unter www.gegen-diktatur.de

 

Nikoline Hansen