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Die Mahnung 53/3  1. März 2006

 

Neue Dauerausstellung im Haus der Wannseekonferenz eröffnet

Der Weg zum Haus der Wannseekonferenz führt durch eine ruhige Vorstadtidylle, die die Hektik Berlins vergessen macht, vorbei an Yachtclubs und alten Villen – die Bekannteste die Villa Max Liebermanns. Liebermann genoss die ruhige Lage mit Blick auf den Wannsee genauso wie später die Repräsentanten des Naziregimes in der 1914/15 nach Plänen des Architekten Paul O. A. Baumgarten für den Unternehmer Ernst Marlier gebauten Villa, die heute als Gedenk- und Bildungsstätte dient. Die Zusammenkunft am 20. Januar 1942 war kurz und ihre Bedeutung hatte keinen grundlegenden Cha­rak­ter was die Ermordung der Juden betraf – denn diese hatte schon lange vorher begonnen. Sie hatte jedoch einen das Unrecht legitimierenden Charakter, indem sie die weitere Organisation des Juden­mords, die „Endlösung der europäischen Judenfrage“ in Form eines Protokolls festlegte und damit das Ein­verständnis der eingeladenen Konferenzteilnehmer zu dem von Reinhard Heydrich, Chef der Sicher­heitspolizei und des SD als "Beauftragten für die Vorbereitung der Endlösung der europä­i­schen Juden­frage" vorgeschlagenen Vorgehen einholte. Sie hatte damit einen erheblichen Symbol­charakter und war ein Zeichen für die weitere „Professionalisierung“ und Durchführung eines Völker­mor­des, der bereits begonnen hatte, wie die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages Gerda Hasselfeldt anlässlich der feierlichen Eröffnung am 19. Januar betonte. Hasselfeldt stellte fest, dass die wichtigste Aufgabe der Gedenkstätte neben dem Erinnern an die Opfer und dem Informieren über die Täter die Vermittlung von Wissen und das Schaffen einer lebendigen Erinnerung sei und wünschte auch der neuen Ausstellung in diesem Sinne den seit der Eröffnung 1992 kontinuierlich gewachsenen Erfolg.

Ein erster Rundgang erweckte bei mir persönlich den Eindruck, das Haus habe an Seele verloren. Das mag an der neuen und damit gewöhnungsbedürftigen Ausstellungsgestaltung liegen: In den unter Denkmalschutzaspekten neu renovierten Räumen bieten auf Aluschienen montierte Tafeln, Ton- und wenige Filmdokumente einen unter museumspädago­gi­schen Aspekten didaktisch aufbereiteten Einblick auf den Versuch, das europäische Judentum zu vernichten. Die ursprüngliche von Gerhard Schoenberner konzipierte Ausstellung fokussierte sich intensiver auf das Ereignis im Haus und ver­mit­tel­te besonders beeindruckend die bürokratischen Vorgänge im Zusammenhang mit der durch das NS-Regime betriebenen Ausgrenzung der Juden, die von einer antisemitischen Hasspropaganda begleitet wurde. Die neue Ausstellung vermittelt eingangs einen umfassenden Überblick über das jüdische Leben in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert, den damit verbundenen Antisemitismus und zeigt die Aus­wirkungen bis in die Gegenwart anhand prägnanter Zitate Überlebender sowie deren Kinder und Enkel auf Opfer- und Täterseite. Wie ein roter Faden ziehen sich exemplarisch die Schicksale von vier Verfolgten durch die Ausstellung, die der Betrachter an verschiedenen Stationen immer wieder trifft. Dies ist ein sehr gelungener Ansatz, das Schicksal der Betroffenen anschaulich zu machen. Dadurch fällt der Raum, in dem die Wannseekonferenz stattfand, quasi aus dem Rahmen der insgesamt schlüssi­gen Ausstellungskonstruktion: Die Teilnehmer der Wannseekonferenz sind mit Kurzbiografien und zumeist formellen Fotos, etwa in Uniform, an den Wänden porträtiert, Auszüge des Protokolls in einer zentralen Vitrine dokumentiert. Der Ausstellungsbesucher, der Zeit zum Verweilen mitgebracht hat, kann sich an einen Tisch mit Blick auf den Wannsee setzen und die Akten komplett studieren.

Die Umgestaltung der Ausstellung war wegen des fortgeschrittenen Forschungsstandes notwendig geworden, wie der Leiter Dr. Norbert Kampe erklärte. Die neue Ausstellung sei auf eine Führung oder vorhergehende Beschäftigung mit dem Thema ausgelegt. Dass sich ein Besucher zufällig in das doch eher abgelegene Haus verirrt, dürfte allerdings auch die Ausnahme sein. Auch wir wünschen dem Haus, dass es seine ausgezeichnete Bildungs- und Forschungsarbeit in dem notwendigen Umfang auf dem jeweils aktuellen Wissensstand erfolgreich weiter fortsetzen kann.

 

Haus der Wannsee-Konferenz Gedenk- und Bildungsstätte
Am Großen Wannsee 56-58, 14109 Berlin www.ghwk.de

Öffnungszeiten täglich 10.00-18.00 Uhr außer an gesetzlichen Feiertagen
Eintritt frei – Gruppen nach Voranmeldung Tel. 80 50 01-0

 

Nikoline Hansen