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Die Mahnung 52/7  1. Juli 2005

 

Die Neuen Hebräer – 100 Jahre Kunst in Israel

 

Die derzeit im Martin-Gropius-Bau zu besichtigende Ausstellung zeigt schon im Titel, dass der Besucher keine zeitgenössische Kunst aus Israel erwarten sollte, sondern einen geschicht­lichen Spiegel der Kunst eines Landes vor seiner Geburt und in seinen Kinderjahren. Verfol­gen kann er sozusagen den Zeugungspunkt – Antisemitismus und die Pogrome in Osteuropa, die Schwangerschaft in der Diaspora und in Palästina und dann die Geburt des Staates Israel sowie sein Wachsen bis in die Gegenwart. Eingeteilt ist dieses Entstehen und Wachsen in 15 Sta­tionen, die immer wieder Brüchen unterliegen – der Auffälligste ein Herzstück der Aus­stel­lung, eine mit Unter­stützung des Auswärtigen Amtes restaurierte Qumran-Rolle, ein historisches Dokument, das erstmals außerhalb Israels gezeigt wird und nach seiner Rückkehr das Land sicher so bald nicht mehr verlassen wird. Das Kunststück hierin bestand wohl in seinem Fund, denn die Rolle selbst ist über 2000 Jahre alt und manifestiert damit zwar einen historischen Anspruch der Juden auf das Land, steht ansonsten aber nicht in Bezug zum Titel der Ausstellung. So zeigt sich hier allerdings der Kernaspekt der Ausstellung: Die Geschichte des Landes und seiner jüdischen Bewohner stehen im Vordergrund, die in der Ausstellung gezeig­te Kunst ist der Identitätsfindung des Landes unter­geordnet und selbst wenn die Kunst selbst zweifelsfrei von politischen Aspekten geprägt ist, mit historischen Dokumenten weiter kommentiert – etwa einer Kopie des blut­befleckten Friedenslieds, das Rabin bei seiner Ermor­dung sang. Gerade für die frühen Perio­den findet sich viel Kunstgewerbliches und auch Schrift­stücke aus der Frühzeit des Zionis­mus, die zwar kunstvoll ausgestaltet aber keine Kunst­werke im üblichen Sinne sind. Einen großen Schwerpunkt setzt die Ausstellung auf die Archi­tektur – die Station "Im Namen der Utopie" ist wirklich ein weiteres Herzstück, das einen beeindruckenden Einblick in die Ener­gie und die Fantasie seiner Bewohner gibt. Dabei wird die Architektur nicht nur anhand von Modellen und Fotos, sondern auch multimedial mit einem über die gesamte Raumlänge pro­ji­zier­ten Film gezeigt – eine wunderbare Idee, die einen sehr schönen Eindruck von der Le­ben­digkeit und Schönheit des Landes hinterlässt und den Wunsch, mehr Zeit zum Entdecken neuer Details zu haben – vielleicht vor Ort? Der Kon­trast zum folgenden Raum "Shoah", do­mi­niert von einer Installa­tion und im Hintergrund lau­fen­den Filmausschnitten aus dem Eichmann-Prozess in Jerusalem könnte kaum größer sein. So gibt es immer wieder Über­ra­schun­gen und Kontraste zu Entdecken – vorrangig nicht aus der gegenwärtigen Kunstszene, sondern quasi Krieg und Frieden, angelehnt an die fast hun­dert­jährige Geschichte der 1906 von Boris Schatz ge­grün­de­ten Kunstschule "Bezalel", deren Kunst­sammlung in das 1965 gegründete Israelmuseum über­gegangen ist. Das Israelmuseum ist dankenswerterweise Mitkurator der in Berlin gezeigten Aus­stel­lung, die gleich eingangs mit Shumel Hirszenbergs Monumentalwerk "Der wandernde Jude" aus dem Jahr 1899 einen deutlichen politischen Akzent setzt.

Alles in allem eine hervorragende Ausstellung deren Besuch in jedem Fall lohnt – zumal sie nur in Berlin gezeigt wird und als sinnstiftende Synthese der israelischen Kultur für die Nation Israel eine herausragende Arbeit der Identifikationsfindung darstellt. Der umfang­reiche und liebevoll gestaltete Katalog lehnt sich an die Themenführung der Ausstellung an, gibt sie jedoch nicht im Detail wieder und enthält dafür interessante Hintergrund­infor­ma­tio­nen über die kulturelle Entwicklung Israels vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis heute. Eine Ausstellung, die besonders für Deutsche und Israelis wichtig ist und die Tür für neue Diskus­sionen öffnen kann. Schöner lässt sich die Geburt eines Staates nicht erzählen, wohl auch kaum blutiger.

Die Neuen Hebräer – 100 Jahre Kunst in Israel

Martin-Gropius-Bau Berlin 20. Mai – 5. September 2005

Mittwoch-Montag 10 -20 Uhr, Dienstag geschlossen

Eintritt € 6,-- ermäßigt € 4,--, Familienkarte € 12,--, Gruppen ab 10 Personen € 4,-- pro Person

Anmeldung für Führungen 030 9026 99 444 www.fuehrungsnetz.de

Katalog im Nicolai-Verlag, Preis in der Ausstellung € 24,--

 

Nikoline Hansen