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Die Mahnung 51/7 1. Juli 2004

Marion-Samuel-Preis 2004 verliehen

 

Am 6. Mai 2004 verlieh die „Stiftung Erinnerung“ in Zusammenarbeit mit dem „Verein Gegen Vergessen für Demokratie“ im Centrum Judaicum zum 6. Mal – davon zum 5. Mal im Centrum Judicum – den Marion-Samuel-Preis. In ihrem Grußwort betonte Chana Schütz im Namen des Centrums, dass man sich freue, Gastgeber der Preisverleihung zu sein und dass die „Stiftung Erinnerung“ hervorragendes Beispiel sei für bürgerschaftliches Engagement und der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

 

Die „Stiftung Erinnerung“ wurde 1996 von Walther und Ingrid Seinsch ins Leben gerufen. Sie fördert Institutionen und Personen, die sich auf besonders wirkungsvolle Weise gegen das Vergessen, Verdrängen und Relativieren der von Deutschen in der Zeit des National­sozialismus begangenen Verbrechen wenden oder die wissenschaftliche Aufarbeitung dieser Zeit voranbringen. Außerdem verleiht die Stiftung seit 1999 jährlich den mit € 12.500,– dotierten Marion-Samuel-Preis an Personen, die das Anliegen der Stiftung gefördert haben. Erster Preisträger war der Historiker Raul Hilberg.

 

Marion Samuel wurde am 27. Juli 1931 in Arnswalde (Neumark) geboren. Ihre letzte bekannte Adresse datiert aus dem Jahr 1939: Rhinower Straße 11, im Bezirk Prenzlauer Berg in Berlin. Marion Samuel wurde mit dem 33. Transport aus Berlin am 3. März 1943 nach Auschwitz deportiert und gilt als verschollen. Die „Stiftung Erinnerung“ möchte an Marion Samuel und an die Menschen erinnern, die ihr Schicksal teilten.

 

In seiner Einführung plädierte der Stiftungsgründer Walther Seinsch, genau hinzusehen und gerade auch im täglichen Umgang mit – wie er es ausdrückte „normalen Menschen“, mit denen er es etwa in seinem Arbeitsleben oder privat zu tun habe, antisemitischen Tendenzen entgegen­zu­wirken. So habe er als Resonanz auf das von ihm unterstützte Buchprojekt „Im Tunnel“ über das kurze Leben der Marion Samuel 1931-1943 Bemerkungen gehört wie „Hitler hat uns verraten“ oder „auch die Deutschen haben unter den Nazis gelitten“ – mit der Tendenz, dass eigentlich die Opfer daran Schuld seien, dass wir uns als Deutsche mies fühlten. Nach wie vor sei Antisemitismus weit verbreitet, wie nicht nur aus der sehr einseitigen Berichterstattung über den israelisch-palästinensischen Konflikt in den Medien deutlich wird. Auch angesichts der gegenwärtigen Terroraktionen würde deutlich, dass die Gefahr noch nicht gebannt sei – Ziel dieser Aktionen sei es eindeutig, uns umzubringen oder die eigenen Prinzipien mit Gewalt aufzudrängen. Große Teile der deutschen Bevölkerung hätten allerdings Skrupel hier eine eindeutige Position einzunehmen. Seinsch stellte klar, dass die Bedrohung durch Terror nicht nur in Israel sehr real sei, sondern dass unsere Grundwerte, die über hunderte von Jahren gewachsen seien und sich bewährt hätten, in Gefahr sind. Hierfür führte er eine Reihe von Beispielen an. Er stellte fest, dass Richard Chaim Schneider ohne persönliche Konsequenzen fürchten zu müssen in Israel die Trennung von Kirche und Staat fordere – eine Forderung, die ein arabischer Journalist in seinem Land sicher nicht stellen dürfe. Viele Israelis würden die palästinensischen Ansprüche auf ein eigenes Land akzeptieren, 99% der Palästinenser akzeptierten den Anspruch der Israelis auf ein eigenes Land dagegen nicht. Der Bombenanschlag am 21.04.2004 in Riad in Saudi-Arabien sei in der arabischen Welt deshalb verurteilt worden, weil Muslime getötet wurden. In der Türkei sei eine sechzehnjährige gezwungen worden, ihren Vergewaltiger zu heiraten um die Familienehre wieder herzu­stellen. Überhaupt sei es in der arabischen Welt ein durchaus adäquates Verhalten, sich rein­zu­waschen, indem man sich in die Luft jagt – dies alles Beispiele für die Kompromiss­losigkeit im Kampf gegen Ungläubige. Mit seiner Einführung gelang es Seinsch sehr überzeugend, den Bogen zwischen historischer Forschung, Annehmen der eigenen Geschichte und zeitpolitisch aktuellen Themen zu schlagen und die Notwendigkeit der Auseinander­setzung mit menschenfeindlichem Handeln in globalem Zusammenhang kenntlich zu machen als Voraussetzung dafür, die eigene Zukunft zu sichern.

 

Die diesjährige Preisverleihung hatte insofern einen besonderen Aspekt, als es dem letztjährigen Preisträger, dem Historiker Götz Aly, inzwischen gelungen war, die Familien­geschichte des Mädchens Marion Samuel zu rekonstruieren und die Überlebenden der Familie zusammenzuführen, die zwischenzeitlich keinen Kontakt mehr gehabt hatten. So war Fred M. Samuel, ein Cousin der Ermordeten, dessen Eltern rechtzeitig auswandern konnten, mit seiner Familie eigens aus den USA angereist und konnte so erstmals seine Cousine Erika Dünkel treffen, beide Ehrengäste der Preisverleihung, die mit der Enthüllung der fast lebensgroßen Replikation eines neu aufgefundenen Familienfotos ihre Fortsetzung fand. So präsentierte Aly – der Laudatio vorausgehend – in emotional sehr ergreifendem Rahmen seine eigenen Forschungs­ergebnisse, die in einem kleinen Büchlein veröffentlicht sind, und die durch die eher zufällige Benennung des Preises – der Name Marion Samuel wurde aus dem Gedenkbuch für die deportierten deutschen Juden nach dem Zufallsprinzip ausgesucht – angestoßen wurden. Das präsentierte Familienfoto steht für ein historisch bemerkenswertes Phänomen: es findet sich noch im Besitz des Cousins und der Cousine der in Auschwitz ermordeten Marion Samuel und versinnbildlicht die unterschiedlichen Schicksale, die deutsche Juden unter der NS-Gewaltherrschaft treffen konnten: Ein Teil der Familie konnte auswandern, ein Teil überlebte in „privilegierter Mischehe“, die anderen wurden in Konzentrationslagern ermordet. Fred M. Samuel, der Deutschland im Alter von sechs Jahren verlassen musste, hätte Deutschland wahrscheinlich nicht wieder besucht wenn Götz Aly ihn nicht aufgestöbert und im Namen der „Stiftung Erinnerung“ eingeladen hätte; seine Muttersprache hat er jedenfalls vergessen, und so wandte er sich in englischer Sprache an das Publikum mit der eindringlichen Mahnung, sich daran zu erinnern, dass die Juden seit der Evian-Konferenz noch immer in ihrer Anzahl dezimiert wären und es wichtig sei, sich dieses Umstandes zu erinnern und auch den Schutz von Juden in aller Welt als Teil der Erinnerung zu begreifen.

 

Der diesjährige Preisträger war Wolfgang Palm, Jahrgang 1924. Er diente in der deutschen Wehrmacht und wurde als 18jähriger an der Ostfront schwer verwundet. Er war dann heimatvertrieben und sagt von sich selbst, dass er Jahre nach dem Krieg gebraucht habe, wieder einen aufrechten Menschen aus sich zu machen. Er wurde Studienrat und unterrichtete Biologie, Geologie und Chemie, bis er sich nach seiner Pensionierung der Geschichte des Kreises Arnswalde – heute Choszczono widmete. Seine Forschungsergebnisse veröffentlicht er in der Heimatvertriebenenzeitschrift „Heimat­gruß-Rundbrief aus den ehemaligen Kirchen­gemeinden im Kreis Arnswalde (Neumark)“ – eine Zeitschrift, die wie Götz Aly betonte, frei von jeglichem revisionistischem Ton ist. In dem Heimatrundbrief sind inzwischen mehr als 200 Artikel Palms über seine historische Forschungen erschienen, er ist damit selbst zu einer wichtigen Quelle für Historiker geworden, die sich mit der Geschichte des Kreises Arnswalde befassen. Dabei wurde auch das jüdische Schicksal zum Thema, denn auch die Juden gehören ja zu den Heimatvertriebenen. Beziehungen bestünden daher inzwischen auch nach Israel. Bis 1933 führten die Juden in Arnswalde ein assimiliertes Leben; sie waren geachtete Mitbürger: Der Kornhändler Eduard Abrahamowsky übernahm 1912 immerhin 40 Prozent der Kosten für den Schnitterinnenbrunnen in der Mitte des Marktplatzes, der neben der gotischen Backsteinkirche zum Wahrzeichen der Stadt wurde. Arnswalde beherbergte einst den zweitältesten jüdischen Friedhof der Mark Brandenburg – heute sind dort nur noch die Fundamente zu erkennen, der Brunnen ist zerstört, die Stadt hat ihr altes Gesicht verloren. Als Motiv für seine Forschungen gibt Palm an, dass offenkundige Unwahrheit als Wahrheit gehandelt wurde, ein Zustand, dem er, unterstützt von einem engagierten Redaktionsteam, das unabhängig von großen Organisationen arbeitet, ein Ende bereiten wollte. Der Umgang mit Wahrheit und Unwahrheit lässt sich in der Geschichtsschreibung Arnswaldes sehr konkret feststellen. 1892 wurde der Schulrektor a. D. Hermann Ahlwardt, Mitglied der antisemitischen Volkspartei, im Wahlkreis Arnswalde-Friedeberg in den Reichstag gewählt. Es handelte sich bei ihm um einen vehementen Verfechter des Antisemitismus, der eine Reihe politischer Traktate verfasste und dabei nicht vor Verleumdungen zurückschreckte und in entsprechende Strafprozesse verwickelt wurde. Diese politische Ausrichtung blieb auch bestehen, nachdem Ahlwardt sein Mandat verloren und an einen Nachfolger aus seiner Partei abgegeben hatte. 1895 verschwand ein fünfjähriger Junge spurlos im Wald, ein Ereignis, das angesichts der herrschenden Atmosphäre in der Öffentlichkeit erfolgreich als ein jüdischer Ritualmord dargestellt wurde. Die Folge waren antimsemitische Ausschreitungen auf dem jüdischen Friedhof. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass ein Jäger auf dem Sterbebett beichtete, den Jungen versehentlich erschossen zu haben – eine Wahrheit, die in der Öffent­lich­keit kein Interesse fand. So war trotz des normalen Zusammenlebens mit den Juden anti­semi­tisches Gedankengut weit verbreitet und beispielsweise auch in gedankenlosem Verhalten in der Schule an der Tagesordnung. Gegen diese Gedankenlosigkeit schreibt Wolfgang Palm seit 1982 seine Beiträge im Heimat­rund­brief. Er wurde mit dem Marion-Samuel-Preis ausgezeichnet für sein kontinuierliches, nicht immer einfaches Engagement für die Dokumentation des Schicksals der Arnswalder Juden.

 

Es ist wirklich bedauerlich, dass solche Veranstaltungen nur von eben jenen im von Walther Seinsch gemeinten Sinne „nicht normalen“ Menschen besucht werden, die selbst betroffen und/oder engagiert sind und sich bereits intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Eine breitere Öffentlichkeit und mehr jugendliche Besucher hätten gerade dieser Veranstaltung gut getan, da sie eine Fülle von Antworten auf historisch interessante Fragen gegeben hat, die von interessierter aber uninformierter Seite immer wieder aufgeworfen werden. Äußerst erfreulich ist, dass sich diese historischen Fakten zumindest nachlesen lassen in dem kleinen Taschenbuch, das frei von Sentiments und dabei höchst beeindruckend die Geschichte der Marion Samuel und auch die Geschichte der Erforschung ihres Schicksals und mit den Ergebnissen dieser Forschung und dem Aufspüren des Umfelds, in dem sie gelebt hat, darüber hinaus das vielfältige Schicksal einer sehr repräsentativen, durchschnittlichen assimilierten deutschen jüdischen Familie schildert. In einem Nachwort beschreibt Walther Seinsch drastisch und deutlich sein Anliegen: „Andere versuchen Entlastung zu bewirken, indem sie die unmäßige Überhäufung der Deutschen mit der nun schon Jahrzehnte zurückliegenden Schuld und Schande beklagen. Sie bemängeln, dass den Verbrechen, die andere an Deutschen oder auch an anderen Völkern begingen, zu geringe Aufmerksamkeit zuteil werde. Die Lügner, Verschleierer und Relativierer schätzen auch das folgende Argument: Das Gerede um die Nazi-Verbrechen verhindere das Wiederfinden der deutschen Identität und sorge dafür, dass Deutsche vor lauter Bücklingen vor dem Ausland einen krummen Rücken und einen Hass auf ihr eigenes Land bekämen. Was für ein Unsinn! Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts, einschließlich all seiner dunklen Seiten. Dennoch und gerade deshalb betrachte ich Deutschland als mein Vaterland und mich als deutschen Patrioten. … Mir wäre eine solche Einstellung zu meinen Landsleuten unmöglich, wenn ich die deutschen Verbrechen ausblenden oder relativieren würde. … Um einer wahrhaften Erinnerung willen darf es auch keine Denkverbote und Tabus geben.“

 

Götz Aly: Im Tunnel. Das kurze Leben der Marion Samuel 1931-1943

Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch, ISBN 3-596-16364-1,  € 7,90

 

 

Nikoline Hansen