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Die Mahnung 52/ 8/9  1. August/1. September 2005

 

Das Mauer-Mahnmal – eine Diskussion über Geschichte und Provokation

 

Im Schatten des 60. Jahrestags der Befreiung Deutschlands von der Nazi-Diktatur steht eine andere Diskussion, die, nach dem noch nicht so weit entfernt liegenden Ende auch der zwei­ten deutschen Diktatur, nur schleppend in Gang kommt, aber ebenfalls von einer starken emotionalen Komponente getragen ist – um so mehr, als es noch eine Vielzahl direkt Betroffener gibt, die mit einem ähnlichen Problem zu kämpfen haben, wie seinerzeit die Opfer des Nazi­regimes: sich Gehör an relevanter Stelle zu verschaffen. Die Arbeits­gemein­schaft 13. August e.V. hat mit Alexandra Hildebrandt, Direktorin des Mauermuseums am Checkpoint Charly, eine Persönlich­keit gefunden, die bereit ist, ihre Interessen bedingungslos zu vertreten – und damit auch vor Provokationen und Aktionen im Bereich gesetzlicher Grauzonen nicht zurück­schreckt – womit sie sicherlich für viele zur „Persona non grata“ geworden ist, es andererseits aber schafft, öffentliches Gehör zu finden, was anderenfalls wohl eher nicht der Fall wäre.

Der Friedrich-Naumann-Stiftung ist zu verdanken, dass das Thema am 14. April in einem öffent­lichen Rahmen kontrovers diskutiert werden konnte. Unter der souveränen Moderation von Corinna Schlag, Redakteurin der Berliner Morgenpost, kamen alle Stimmen zu Wort – auch wenn am Ende der Unmut einiger Betroffener siegte und damit kein Fazit zustande kam. Aber kann es das in dem Fall überhaupt geben? Die Positionen sind extrem kontrovers: Prof. Dr. Martin Sabrow, Geschäftsführender Direktor des Zentrums für zeithistorische For­schung Potsdam e.V. plädierte dafür, gelassener mit dem Thema umzugehen, es zu „enthyste­risieren“, zu „professionalisieren“ und zu „entprovinzionalisieren“. Es gebe immerhin 200 Erinnerungspunkte zum Mauerverlauf; zudem sei die Zahl der Opfer, die durch die Anzahl der Kreuze auf 1065 festgeschrieben werde „wahrscheinlich zu hoch, aber wir wissen es noch nicht genau“. Philipp Gessler, Redakteur der Tageszeitung, erklärte, auf die genaue Anzahl käme es ja nicht an, aber er führte in seiner Argu­men­ta­tion gegen das Mahnmal dann an, dass es fraglich sei, ob die derzeitige Gestaltung mit Kreuzen „in einer gottlosen Stadt wie Berlin“ in der nächsten Generation noch verstanden würde, zudem sei von Anfang an auf einen Skandal hin produziert worden und das Mahnmal sei schlicht­weg ästhe­tisch schwach. Jan Gerd Becker-Schwering, Referent für Kultur- und Medienpolitik der FDP-Fraktion stellte die ausgearbeiteten Konzepte der FDP für Orte der SED-Diktatur vor, die von einem Konsens von über 200 Abgeordneten getragen würden. Auf die konkrete Situation am Checkpoint Charly ging er dabei nicht ein, wohl aber auf die Ausbaupläne an der Bernauer Straße, die ja auch der Berliner Kultursenator Dr. Thomas Flierl favorisiert.

Nun besticht an dem Konzept von Alexandra Hildebrandt und der Arbeitsgemeinschaft 13. August vor allem dreierlei: Es ist ohne Steuergelder finanziert; es ist ein Anziehungspunkt für Touristen und – als letztes aber meines Erachtens wichtigstes Argument: es findet eine breite Zustimmung der direkt Betroffenen. Der Checkpoint Charly ist ein symbolträchtiger Ort, der auf die eine oder andere Art und Weise in der Stadt präsent bleiben muss. Das hat inzwischen selbst der Kultur­senator eingesehen, der einen „Erinnerungspavillon“ vorschlägt, ein Konzept, das erstens nicht vorhandenes Geld kostet, zweitens als merkwürdige Konkurrenz zum Mauer­museum anmutet und drittens die Geschichte des Ortes wieder in den Käfig eines Gebäudes einsperrt, sie also von der Straße holt, auf die sie gehört. Die aufgestellten Holzkreuze sind leider historisch korrekt – so korrekt, dass einige sie nicht sehen können, was zwar verständlich, aber kein Argument ist. Sie sind damit provokant, was aber nicht falsch sein muss. Und es ist leider auch so, wie der Mauer-Dokumentensammler Hagen Koch es vortrug: die Authentizität des Ortes wurde mit der Begrün­dung, Baufreiheit zu schaffen, zerstört. Die Schlagbäume – Symbol des Kalten Krieges – sind verschwunden. Ein Wachturm wurde in einer Nacht- und Nebelaktion entfernt. Der Ort wurde damit zu geschichtsträchtigem Brachland. Die Arbeits­gemein­schaft hat das Land ursprünglich legal gepachtet, um ihr Mahnmal als Kunstaktion zu errichten. Soweit mir bekannt ist gibt es, außer einem neuerlichen Verkauf, keine Pläne für das Gelände. Es spricht also erst einmal nichts dagegen, die Kreuze stehen zu lassen, bis eine bessere Alternative für das Gelände gefunden worden ist und tatsächlich konkretisiert werden kann. Ein derartiger Vorschlag kam auch aus dem Publikum. Er sollte meines Erachtens ernsthaft erwogen werden – Eigentum verpflichtet auch!

 

Nikoline Hansen