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Die Mahnung 52/ 8/9  1. August/1. September 2005

 

Mauer-Mahnmal am Checkpoint Charlie geräumt

 

Mit Bedauern mussten wir zur Kenntnis nehmen, dass Berlin um eine Initiative ärmer ist: Das Mauer-Mahnmal am Checkpoint Charlie, von Alexandra Hildebrandt nach Plänen ihres verstorbenen Mannes Rainer Hildebrandt, Gründer des Mauer-Museums am Checkpoint Charlie errichtet und nach Auslaufen des Pachtvertrages vom privaten Eigentümer, einer Bankgesellschaft, nicht mehr geduldet, ist am 5. Juli 2005 geräumt worden. Seitdem liegt das Grundstück beidseits der Friedrichstraße brach – "geschützt" von einem Bauzaun aus Draht, eine Wunde im Zentrum der Stadt. Aber kein offensichtlicher Ort des Gedenkens mehr, wie er es zuvor in provozierender Art im offensiven Erinnern an die Mauertoten war.

Noch vor der Räumung teilte die Berliner Kulturverwaltung am 4. Juli mit: "Im Dialog mit den privaten Eigentümern sichert der Senat auch nach Abräumung der Mauerkreuze die Erinnerung an die historische Bedeutung des Checkpoint Charlie und das Gedenken an die Opfer der Berliner Mauer. Kultursenator Dr. Thomas Flierl weist anlässlich der Diskussion um den Checkpoint Charlie und die vom privaten Grundstückseigentümer durchgesetzte Räumung der Installation von Frau Hildebrandt darauf hin, dass die Erinnerung an die historische Bedeutung des Checkpoint Charlie und das Gedenken an die Opfer der deutsch-deutschen Grenzen substanzieller Bestandteil des von Bund und Land einvernehmlich getragenen Gedenkkonzeptes Berliner Mauer ist und bleibt. Für den Checkpoint Charlie werde ein Drei-Stufen-Konzept verfolgt: 1. Ausstellung am Bauzaun, 2. open-air-Ausstellung, 3. Museum des Kalten Krieges. … Die Installation von Frau Hildebrandt hat Anstöße gegeben, kann aber auf Dauer keinen Bestand haben, allein deshalb, weil die privaten Grundstückseigentümer sie nicht dulden und sie auf Dauer nicht genehmigungsfähig ist."

Das zeigt: Der Senator begründet seine neu gestartete Initiative mit der Ablehnung der privaten Eigentümer – mit denen er "im Dialog steht" – eine erstaunlich fadenscheinige Begründung. Wie das gerade in Hinsicht auf das Gedenken nicht überzeugende Konzept des Bundes, ist auch diese Ankündigung mit Kosten verbunden, wird also Geld kosten, das das Land Berlin nicht hat. Abgesehen davon, dass spätestens die dritte Konzeptstufe sehr deutlich macht, dass es hier nicht mehr um die Mauer und ihre Geschichte gehen wird, wie das in der eindrucksvollen Ausstellung im Mauermuseum am Checkpoint Charlie ja auch bereits der Fall ist, handelt es sich hier ganz offensichtlich um den Versuch, die Geschichte aus der Perspektive der Herrschenden der ehemaligen zweiten deutschen Diktatur gefällig zu interpretieren und letztendlich zu verharmlosen.

Einstweilen bleibt zu beobachten, wie sich Konzeptstufe 1 "Ausstellung am Bauzaun" entwickeln wird. Am Wochenende nach der Räumung war noch nichts davon zu sehen. Allerdings dürfen wir dabei nicht vergessen: Jeder Tote an der Mauer war einer zuviel und verdient das Gedenken. Der zentrale Ort, an dem dies geschehen kann, muss dringend geschaffen werden. Eine Planung hierfür wird, ob bewusst oder unbewusst, in allen Konzepten zugunsten einer "Vernetzung" historisch memorabler Orte ausgespart. Mittlerweile stolpern wir in einigen Gegenden Berlins über dermaßen viele Gedenktafeln, dass wir sie gar nicht mehr wahrnehmen – eine interessante Methode, Geschichte mit gutem Gewissen quasi zu entsorgen. Das Mauermahnmal hat in seiner Augenfälligkeit wirklich nicht in diese Landschaft gepasst. Wir wünschen ihm, dass es in der Diskussion über den Umgang Deutschlands mit seiner Vergangenheit noch lange präsent bleibt.

 

Nikoline Hansen