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Die Mahnung 52/3    1. März 2005

 

 

Wir waren Nachbarn – 92 Biografien jüdischer Zeitzeugen

Eröffnung der Ausstellung des Bezirksamts Tempelhof-Schöneberg

 

Aus Anlass der Eröffnung der Ausstellung „Wir waren Nachbarn – 92 Biografien jüdischer Zeit­zeugen“ inszenierte die Leiterin des Kunstamts Katharina Kaiser in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft treffsicher, mit Fingerspitzengefühl und profundem Wissen eine lokale Gedenk­veranstaltung, die den vorgegebenen Rahmen im Foyer des Rathauses sprengte: Zwar wurden noch Stühle herbei­geholt, trotzdem standen die Menschen gedrängt, auf den Treppen saßen zu einem großen Teil junge Leute, die Stufen waren bis oben belegt und die Galerie fungierte als Rang mit Steh­plätzen. Den musikalischen Rahmen bildeten zwei emotional ausdrucksstarke Gesangs­darbietungen des Schülerchors der John-F.-Kennedy-Gesamtschule und zum Abschluss wurde eine Komposition des Schönebergers William Hilsley, die dieser im Konzentrationslager geschrieben hatte, von CD eingespielt. Neben den drei aus dem Ausland geladenen Zeitzeuginnen Rahel Mann, Lydia Passikowa und Ester Golan, deren Einladung von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ ermöglicht wurde, waren auch etliche Berliner „Zeitzeugen“ gekommen, unter ihnen Jitzchak Schwersenz, der im Februar im Rahmenprogramm der Ausstellung liest.

 

Die Begrüßung erfolgte durch den Bezirksbürgermeister von Tempelhof-Schöneberg Ekkehard Band und den stellvertretenden Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde zu Berlin Fredy Gross, der darauf hinwies, dass die Vergangenheitsform des Titels der Ausstellung in seinen Augen einen zu negativen Beigeschmack habe, da es Juden in Schöneberg wieder gebe, sie also Nachbarn seien. Jochen Feilcke, Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Berlin, stellte einen persönlichen Bezug her, indem er von seiner Entdeckung erzählte, dass ehemalige Bewohner seines Hauses deportiert wurden. Auch schlug er den Bogen zur Entstehung des Staates Israel, dessen Notwendigkeit sich durch die Verfolgung manifestiert hat. Ulrich Schürman, evangelischer Vorsitzender der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und Direktor der John F.-Kennedy-Oberschule stellte erzählte vom Zeitzeugenprogramm mit Begegnungen von Schülern aus Ost und West.

 

Im Anschluss daran sprach Ester Golan, die aus Israel angereist war und besonders auf die Bedeutung des Begriffs Nachbar einging, dem schon in der Bibel eine herausragende Stellung eingeräumt wird. Wie wichtig gute Nachbarschaft für das eigene Wohlbefinden ist, macht sich wohl niemand klar, der nicht schlechte Erfahrungen gemacht hat. Umso mehr ist es Zeitzeugen wie Ester Golan zu danken, dass sie es immer wieder auf sich nehmen, in das Land zurückzu­kehren, in dem die Nachbarschaft einst nicht viel Wert war. Die folgende Lesung letzter Briefe endete, als kleiner Hoffnungsschimmer, in die Emigration mit dem Abschiedsbrief Alice Salomons an ihre Berliner Freunde. Hier zeigt sich schon, dass Schöneberg nicht nur viele, sondern auch prominente Verfolgte in seiner Geschichte hat: Else Lasker-Schüler und Kurt Tucholsky  gehören ebenso dazu wie Albert Einstein, der in diesem Jubiläumsjahr als Ikone gefeiert wird. Obwohl er 1933 emigrieren musste und 1936 ausgebürgert wurde, wird er doch gerade in diesen Tagen  – 2005 feiern wir das „Einstein-Jahr“ – gerne wieder als Deutscher wahrgenommen und mit einem Mythos umgeben. Thomas Lutz von der Stiftung Topographie des Terrors, der letzte Redner im Programm, unterstrich die Bedeutung dezentraler Veranstaltungen vor Ort, bei denen direkte Bezüge entstehen, gerade auch im Vergleich mit den zentralen Gedenkfeiern, in denen das Gedenken stärker ritualisiert wird.

 

Mehrfach wurde in den Ansprachen die Forderung laut, die Ausstellung auch über den 3. Aprtil hinaus auf Dauer zu zeigen. Dies wäre sicher wünschenswert und ich hoffe, dass es sich um eine realisierbare Forderung handelt.

 

Die Ausstellung selbst verzichtet auf die Geschichte der Deportation und der Leiden in den Vernichtungs­lagern, die so oft erzählt worden ist und inzwischen als Bild die Vorstellung der Judenverfolgung dominiert. Sie konzentriert sich dagegen bewusst auf die Verfolgten als Mit­bürger in Schöneberg und Tempelhof – über 6000 Schöneberger sind in den Gedenkbüchern Schöne­bergs verzeichnet, die während des Nationalsozialismus in Konzentrations­lagern ermordet wurden, Menschen, die zuvor einem normalen Leben nachgegangen, eben Nachbarn gewesen waren. Diese Perspektive, die den anonymen Gesichtern, die unsere Vorstellung der Verfolgung weitläufig prägen, eine individuelle Geschichte gibt, leistet damit eine wichtige Funktion: Sie füllt die entscheidende Lücke im gängigen Geschichtsbild. Sehr treffend fomuliert hat das Robert Birnbaum im Tagesspiegel vom 28. Januar 2005: „Man kann die Erinnerung in Polen suchen. Aber in Berlin liegt sie näher“. Die Erinnerung an die Berliner Geschichte hilft uns Deutschen sicher auch eher, die eigentlich unverständlichen Mechanismen der Ausgrenzung zu verstehen, die seinerzeit zu diesen grausamen Verbrechen geführt haben – und damit natürlich eine Wieder­holung zu verhindern, als der Besuch von Auschwitz, der zwar womöglich die Dimensionen der Vernichtung deutlicher vor Augen führen kann, sie aber damit auch wieder unfassbar und eben eigentlich unbegreifbar macht.

 

Die Ausstellung selbst ist in der Ausstellungshalle des Rathauses untergebracht. Sie zeigt über 4000 Textseiten – in Folie eingeschweißte Seiten mit Reproduktionen von Originaldokumenten und Bildern sowie Texten, die das Leben der so aus der Anonymität der Statistik erweckten schildern. Es stehen Sitzgelegenheiten zur Verfügung, so dass man in Ruhe in den einzelnen Biographien blättern kann, die wie ein Buch zusammengeheftet sind. Dabei steht der Tod in Theresienstadt und Auschwitz neben dem Überleben im Untergrund oder Exil – jede der 92 Biographien ein unvergleichliches Einzelschicksal. Dass diese als Teil für einen viel größeren Personenkreis stehen zeigen die Wände, gespickt mit hand­geschrie­benen Karteikarten, auf denen Adressen und Namen der während des Naziregimes verfolgten Schönebergern stehen. In der Ausstellung gibt es den Interview-Film „Geteilte Erinnerungen“ (45 Minuten), sodass für einen Besuch in jedem Fall ausreichend Zeit eingeplant werden sollte – auch Wiederkommen lohnt sich. Die Biographien laden zum Stöbern und Entdecken ein, und sicher wäre trotz der eigentlichen Ortbezogenheit auch eine multimediale Aufarbeitung lohnenswert, die dann Gedenkorte wie beispielsweise das kurz vor der Eröffnung stehende Holocaust-Denkmal ergänzen könnte, in dem die Präsentation von nur wenigen beispielhaften Lebensläufen vorgesehen ist.

 

Der Erfolg dieser Gedenkveranstaltung zur Eröffnung der Ausstellung zeigt, dass es erfreulicher­weise ein großes Bedürfnis für solche Veranstaltungen gibt, und zwar auch bei Jugendlichen. Wir können nur hoffen, dass das Interesse über den „60. Jahrestag“ hinaus anhalten und die Erinnerung auch in Zukunft weiter gepflegt wird – gerade auch dann, wenn es keine Zeitzeugen mehr geben wird, die noch mobil genug sind, um aus dem Ausland anzureisen und ihre eigenen Erfahrungen zu vermitteln. Die Ausstellung zeigt auf beeindruckende Art und Weise, welche Möglichkeiten es gibt, die Geschichten lebendig zu machen. Erschreckend ist, dass das Gedenken – das ja eigentlich ein erfreulicher Anlass ist - der 27. Januar war ja der Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz und damit der Rettung von Menschenleben - angesichts der Toten in den Hintergrund tritt und der feierlichen Anlass von einem Gefühl der Beklemmung dominiert wird. So ist der Hinweis von Fredy Gross, dass Juden jetzt auch in Schöneberg wieder Nachbarn sind, notwendig und bedenkenswert.

 

Nikoline Hansen

 

Wir waren Nachbarn – 92 Biografien jüdischer Zeitzeugen

Ausstellung im Rathaus Schöneberg (Ausstellungshalle), John-F.-Kennedy-Platz, 10820 Berlin U4 Rathaus Schöneberg oder Bus 104, 204, M46 28. Januar bis 3. April 2005

Öffnungszeiten: Di – So 10 bis 18 Uhr, Eintritt frei


Anmeldung und Informationen für Gruppen und Schulklassen
Kunstamt: 7560 - 6964 oder – 4703   E-Mail: hausamkleistpark-berlin@t-online.de