Die Mahnung 49/2 1. Februar 2002

 

Reinhard Plewe / Jan Thomas Kohler

Baugeschichte Ravensbrück

Schriftenreihe der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Band Nr. 10

 

Der vorliegende Band 10 der Schriftenreihe der Stiftung Brandenburgischen Gedenkstätten leistet einen weiteren wichtigen Beitrag zur Erforschung des Konzentrationslagers Ravensbrück. Er schildert die Erkenntnisse der Autoren, die diese im Rahmen der Vorbereitung des Wettbewerbs zur Gestaltung der Gesamtanlage im Hinblick auf die Baugeschichte des Lagers gesammelt hatten. Die vorliegenden Ergebnisse zeugen von sorgfältiger Sichtung und plausibler Gewichtung der Quellen und großem Engagement seitens der Autoren. Das Buch selbst, reich bebildert und mit einer Vielzahl von Zeichnungen und Geländeplänen versehen, ist sorgfältig editiert und durch das aufge­lockerte Layout hervorragend lesbar. Die Autoren verzichten im Großen und Ganzen auf eigene Schluss­fol­ge­rungen, weisen aber auf einzelne Punkte hin, auf die sie während ihrer Forschungs­arbeiten stießen und die sie für besonders interessant erachten. Als Fazit lässt sich festhalten, dass der Bau des Frauen­konzentrationslagers Ravensbrück nicht sorgfältig geplant sondern eher spontan den Gegebenheiten angepasst wurde, sowohl was das Gelände als auch die Material­beschaffung betrifft. Jedenfalls weichen offensichtlich Pläne und Bauzeichnungen von den späteren Realisierungen ab. „Für das „Jugendschutzlager Uckermark“ verzichtete man volkommen auf eine vergleichbare strenge städtebauliche Ordnung. Man ging – fast einer wilden Bebauung gleich – ins Gelände“ (S. 40).

 

Bemerkenswert ist die wiedergegebene Planungszeichnung „F.K.L. Ravensbrück Wirtschafts­gebäude“, das ein Gebäude enormer Dimension zeigt, das sich unter den topografischen Verhältnis­sen nicht hätte realisieren lassen: „Die geplante ausschließliche Verwendung von Natursteinen und die an den mittelalterlichen Burgenbau erinnernde Formensprache korrespondieren nicht mit den tatsächlich ausgeführten Baulichkeiten.“ Die natürliche Umgebung – etwa das Schilf am Ufer – erwies sich für die SS als ungünstig, da es Fluchtversuche begünstigte; dieser Teil des Sees wurde 1943 aufgeschüttet und die ursprüngliche Ufervegetation damit zerstört. Auch die Sumpfigkeit des Geländes war vor der Bauplanung nicht bedacht worden, so dass große Mengen Erdreich bewegt werden mussten, um das Land bebaubar zu machen.

 

Ein weiteres Detail ist die Einrichtung eines Männerlagers zum Zweck des Lagerbaus. Offen­sichtlich, schreiben die Autoren, traute man Frauen eine qualifizierte Bautätigkeit nicht zu – körperlich hart arbeiten mussten sie trotzdem: „Ausschlaggebend für den geschlechtsspezifischen Einsatz der Häftlinge war also nicht etwa eine Rücksichtnahme auf die körperliche Konstitution der Frauen, sondern die Qualifikation: Loren durften geschoben, Baracken aber nicht aufgebaut werden. Bauberufe galten als eine Domäne der Männer“ (Anmerkung 48 auf S. 44).

 

Interessant auch der 1996/7 aufgenommene Befund, dass die Häuser der SS-Siedlung zwischen 1939/40 und 1941 massiv umgebaut wurden, was höchstwahrscheinlich auf eine 1938 von Albrecht Speer in der Zeitschrift „Bauwelt“ geforderte ostdeutsche „Bodenständigkeit“ zurückführbar ist: „So handelt es sich bei den Umbaumaßnahmen in Ravensbrück vermutlich um den Versuch einer Art „Aufnordung“ der Bauten, eine nachträgliche Anpassung an norddeutsche Bauformen – oder an das, was die Verantwortlichen dafür hielten“ (S.75).

 

Es ist den Autoren gelungen, die Baugeschichte für ein breites Publikum anschaulich darzustellen. Die Vorschläge und Überlegungen für eine zukünftige Gestaltung der Gedenkstätte stehen damit auf einer soliden Basis.

 

Reinhard Plewe / Jan Thomas Kohler: Baugeschichte Ravensbrück. Schriftenreihe der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Band Nr. 10

ISBN 3-89468-264-7

Berlin: Edition Hentrich, 2001 Preis: € 18,00

 

Nikoline Hansen