©Die Mahnung

Die Mahnung 52/5  1. Mai 2005

 

Alexandra Rossberg, Johan Lansen

Das Schweigen brechen

Berliner Lektionen zu Spätfolgen der Schoa

 

Der vorliegende Band, eine umfangreiche Aufsatzsammlung über die Spätfolgen der Schoa aus der Sicht von Psychologen und Ärzten, ist ein grundlegendes und wegweisendes Standard­werk für den deutschen Sprachraum. Er beinhaltet vier Teile: Der erste besteht aus Vorträgen für einen breiten Kreis Interessierter, der zweite aus Lektionen zur professionellen Weiterbildung, ein dritter Teil setzt sich mit der Entschädigungspraxis auseinander und der vierte Teil ist von überleben­den Kindern für überlebende Kinder geschrieben – eine notwendige Ermutigung; dazu kommt ein sehr umfang­reiches Gesamtverzeichnis an Literatur, sodass dieses Buch nicht nur dem Arzt sondern auch dem inter­es­sier­ten Laien einen hervorragenden Einstieg in die Thematik bietet. Dabei muss man sich aller­dings vor Augen halten, dass die Problematik sehr komplex ist und sich das Buch deshalb nicht ohne weiteres in einem Stück lesen lässt – gerade beim Einstieg gewinnt der Leser das Gefühl, dass die Autoren quasi alles auf einmal wollen – der angebotene Stoff hätte gut und gerne mehrere Bücher gefüllt, man muss sich beim Lesen also darauf einstellen, quasi ein Überangebot an Information zu erhalten. Die Autoren präsentieren internationale Erfahrungen, schwerpunktmäßig aus Deutschland, Israel und Holland; dies bezieht sich sowohl auf die Traumata, die sich zuvorderst aus Schweigen und Verschweigen gene­rier­ten und länderspezifische Erscheinungen hervorbringen, als auch auf die Ent­schä­di­gungspraxis, die in Holland mit der Umkehr des Beweislast 1973 einen erheblichen Fort­schritt erzielte – nicht mehr der Geschädigte muss nachweisen, dass seine Leiden verfolgungs­bedingt sind, sondern der Staat muss nachweisen, dass dies nicht so ist. So sollten die Betroffenen nicht aufs Neue mit den Folgen möglicher Zweifel belastet werden – ein Beispiel, dem Deutschland leider nicht gefolgt ist.

Gewidmet ist das Buch Professor Leo Eitinger, einem Arzt, der Auschwitz überlebte und die Arbeit von ESRA Berlin in erheblichem Umfang unterstützt hat. Sein Statement "Die Würde eines Menschen ist sein Eigentum, niemand kann es ihm wegnehmen. Es liegt an seinem eigenen Verhalten" ist dem Buch einleitend vorangestellt, und Eitingers großes Verdienst ist es wohl, über den eigenen Tellerrand hinaus zu sehen und die Bedeutung des Erinnerns für das Menschsein herauszustellen: "Es ist für den Einzelnen unerträglich, ja sogar gefährlich, völlig ohne jede eigene "Geschichte" zu leben. Man findet zahlreiche und sehr ungleiche Beschreibungen von Personen, die plötzlich ihr Gedächtnis total verloren haben. Ich habe selbst einige wenige Patienten getroffen, die keine Vergangenheit hatten, d.h. die nicht wussten, sich nicht erinnern konnten, wer sie waren, wie sie hießen, woher sie kamen. Sie hatten keine Identität mehr. Dies ist ein tragisches Schicksal – bis es zur Heilung kommt – für den individuellen Patienten, aber es ist gefährlich für ein Volk, das in einen solchen pathologischen Zustand verfällt. Es ist verheerend für die Geschichtsauffassung, zerstörend für das Selbstverständnis und für das zugrunde liegende Recht der eigenen Existenz. Ein Volk ohne Geschichte und ohne Identität ist eben kein Volk mehr. Was für ein Volk gilt, gilt selbstverständlich für jedes andere Kollektiv, sei es eine nationale, religiöse oder andere Schicksalsgemeinschaft" (41/42). Dies halte ich für einen Kerngedanken, der deutlich macht, dass Identität und Geschichte von grundlegender Bedeutung für das Wohlergehen nicht nur des Einzelnen, sondern eben auch eines Kollektivs sind.

Es ist daher auch sicher nur auf den ersten Blick überraschend, dass ein Kapitel des Buches der psychischen Beschädigung bei den Urhebern der Schoa gewidmet ist. Denn es zeigt sich, dass gerade die Analysen in diesem Kapitel eine erhebliche Bedeutung für die ehemals Verfolgten haben, da der Antisemitismus eine treibende Kraft der Verfolgung war; obwohl er weit verbreitet ist hat er nur in Deutschland zu den bekannten Folgen und dem ausgeprägten Vernichtungswillen geführt. Und er wird immer wieder gerne quasi aus sich selbst heraus als ein natürliches Phänomen erklärt. So schreibt Dierk Juelich in "Erlebtes und ererbtes Trauma": "Und wenn gerade Juden sich diesem Diktum nach Aufgabe von Geschichte nicht fügen wollen, dient dies als ein Motiv, den alten Antisemitismus im neuen Gewand zu entfalten. Denn der Vorwurf, dass Juden nicht bereit seien, die Erinnerung an die Geschichte aufzugeben, enthält implizit die Meinung, dies sei eine Geschichte der Juden – also eine Geschichte der Opfer – Opfer ohne Täter. Geschichtsbilder, die die Täter auf einen verschwindend kleinen Anteil zu reduzieren versuchen, sie aus dem Kollektiv der Deutschen ausgrenzen, um die deutsche Beteiligung leugnen zu können, sind fester Bestand des Alltagsbewusstseins" (81). So resümiert er nach einem historischen psychosozialem Diskurs: "Damit haben wir wohl die wesentliche Grundlage für die intern verursachte Traumatisierung der nichtjüdischen Deutschen aufgedeckt: die Versagung der – unbewussten – Sehnsüchte nach einem besseren Menschsein. … Im narzisstischen Sinn wurde hier versucht, das eigene Selbstwertgefühl durch die totale Entwertung anderer aufzu­werten. … Die an Auschwitz gebundene Hoffnung auf die Befreiung von Ambivalenz und Auseinan­der­setzung mit sich selbst blieb eine Fiktion" (91). Auf diesen Analysen aufbauend kommt er zu der Feststellung, dass die kollektiven Erscheinungen in Deutschland auf drei Komplexen basieren, die in diesem Zusammenhang immer wieder so auftreten:

Zusammenfassend bleiben diese Analysen erschreckend, denn die nichtjüdischen Deutschen "erleben sich in mystifizierendem Sinne als Opfer eines schicksalhaften Geschehens" – und die Bemerkung "Auschwitz werden uns die Deutschen nie verzeihen" (94, Zwi Rix Tel Aviv 1974) ist leider ein doch sehr ernstzunehmendes Problem. Einen sehr entscheidenden Hinweis für Wege aus dem Dilemma bietet dann der letzte Satz des Aufsatzes: "Wenn der Mensch sich jedoch anmaßt, eine Welt zu erschaffen, in der das Böse eliminiert ist, dann errichtet er eine Welt des Schreckens, in der das Böse herrscht" (96). Das Leben ist eben nicht schwarz weiß, sondern sehr viel schattierter – nur das zu akzeptieren, kann manchmal schwierig sein.

Alexandra Rossberg stellt die Probleme der Identitätsfindung der Opfer in den Vordergrund ihrer Betrachtungen. Sie weist auch darauf hin, dass gesellschaftliche Anerkennung einen besonderen Stellenwert für die überlebenden Kinder hat. Auch für sie ist der entscheidende Schritt die emotionale Erkenntnis, dass Schweigen nicht die einzige mögliche Haltung ist: "Das muss von jemandem vermittelt werden, der empathisch und engagiert ist, und dem es selbst nicht auferlegt ist, still zu sein" (114). In einem weiteren Kapitel „Der halbe Stern“ analysiert Rossberg die Situation einer bisher vernachlässigten Gruppe, Kinder mit einem jüdischen Elternteil. Nach dem einleitenden Diskurs über die Rassegesetze und die spezifischen Wortschöpfungen der Nazis stellt sie zusammenfassend fest: "Dieses Gefühl, nirgendwo dazu zugehören, ist allen überlebenden Kindern gemeinsam, auch wenn jeder für sich einen anderen Grund annimmt. … Obwohl sich im Allgemeinen eine ausgegrenzte Gruppe leicht selbst organisiert, ist dies hier nicht der Fall. … Nicht zu den Deutschen zu gehören und von den Juden nicht als solche akzeptiert zu werden, zwischen allen Stühlen zu sitzen, ist noch heute ihre Tragödie" (126).

In Bezug auf die "Spätfolgen bei Überlebenden des Naziterrors und anderen Verfolgten der Jahre 1933-1945" stellt Johan Lansen einleitend fest: "Das erste, was wir aus der klinischen Arbeit mit diesen Menschen lernen können, ist, dass die Hilfe für diese Opfer eng mit der Gesellschaft und ihrer Einstellung zu den Opfern verbunden ist. Natürlich sind die Kenntnisse und die Erfahrung der Mediziner und Psychologen wichtig. Die Haltung der Gesellschaft ist aber noch wichtiger, weil die gesellschaftliche Anerkennung eine wichtige Rolle spielt. Anerkennung bedeutet, dass die Opfer wieder eine Chance bekommen, ein Mitglied der Gesellschaft zu werden, ohne dass sie ihr eigenes Schicksal verleugnen oder "übertreiben" müssen. Und die Gesellschaft besinnt sich so ihrer Verantwortlichkeit und würdigt die Opfer" (169). An Beispielen aus der Niederlande stellt er dann die möglichen Folgen von Verfolgung und Vertreibung dar und stellt fest, dass die Hilfsangebote der holländischen Regierung, die seit dem 1. Januar 2000 die medizinische, soziale und psychologische Versorgung für Flüchtlinge als gesetzliche Vorsorgeleistung anbietet, zu dem Phänomen rivalisierender Opfergruppen geführt hat: "In den letzten Jahren ist noch eine Problematik dazugekommen. Es stellen sich immer wieder neue Gruppen als Opfer dar. Wenn sie selbst direkt unter der Verfolgung gelitten haben und bisher vergessen waren, sollte man sie selbstverständlich anerkennen. Dies gilt natürlich ebenso für die Zweite Generation, deren Existenz und Probleme ich in diesem Buch auch beschreibe. Zur Zeit droht in den Niederlanden aber eine Rivalität zwischen Gruppen von "Opfern", die nicht die ursprünglichen Opfer von damals, sondern deren ferne Verwandte oder einfach Menschen sind, die sich mit ihnen identifizieren; es entwickelt sich ein "Ich-auch"-Mechanismus. Es entsteht, wie Jolanda Withuis beschreibt, eine sich verselbstständigende Bewegung von Menschen, die unter psychischen Beschwerden leiden, die sie aus der Masse der Durchschnittsmenschen herausragen lassen sollen. Trauma ist für sie allerdings kein Handikap, sondern eine Identität. Diese nicht direkt Betroffenen nehmen die Rolle des Opfers an und erheben darin Anspruch auf Aufmerksamkeit und Ehre bei Gedenkveranstaltungen. Auf diese Weise entfernen sie sich von der Gesellschaft in einer merkwürdig irrealen Opferposition. Mir sind schon "alte" wirkliche Opfer begegnet, die das Gefühl haben, damit aus der Gesellschaft verdrängt zu werden und auf diese Weise des Werts der Aner­ken­nung von damals beraubt zu werden. Es kann nicht um die Überidentifikation mit den leidenden Opfern gehen, sondern um Solidarität in Form aktiver Aner­kennung und Integration in die Gesell­schaft, die sich dadurch positiv verändern kann. Die Gesellschaft sollte darauf achten, dass das Konzept vom Opfer keiner Inflation unterliegt" (182). Diese letzte Mahnung des Kapitels sollten wir ernst nehmen. Auch wenn die Situation in Deutschland sicher noch anders ist als in den Niederlanden – vielleicht alleine schon deshalb, weil derartig fürsorgliche staatliche Betreuungen der Opfer alleine schon wegen der in weiter Vergangenheit liegenden Stich­tags­regelungen, nach denen "neue" Opfer nicht mehr anerkannt werden, hier nicht geleistet werden – ist dieses Phänomen ernst zu nehmen. Es zeigt die Problematik, sich einer unver­stan­de­nen Geschichte zu stellen, die offensichtlich mit erheblichen Erinnerungsverschiebungen einhergehen kann.

Doch trotz dieser neuen Problematik ist auch die deutsche Schlussstrichmentalität kein akzeptabler Weg, mit den ehemals Verfolgten umzugehen. Denn es ist inzwischen erwiesen, dass die Spätfolgen erheblich gravierender sind, als früher angenommen wurde – gerade die Nachwirkungen bereiten Probleme, die erst spät ursächlich zugeordnet werden können. So stellt Reinhart Lempp in seinem Aufsatz "Verfolgungsbedingte Minderung der Erwerbstätigkeit" fest: "Während körperliche Behin­derun­gen, die schon in der Kindheit entstanden sind, meist durch frühe Anpassung und eine gezielte aus­gleichende Ausbildung minimiert werden können und die allgemeine Erwerbsfähigkeit nur wenig beeinträchtigen, bestimmen unheilbare, das ganze Leben prägende psychische Veränderungen neben der Lebensqualität auch die Erwerbsfähigkeit durch soziale Behinderungen viel stärker" (310). Sehr detailliert und umfassend beschreibt Haim Dasberg Methoden der "Psychiatrischen Expertise" – auch er weist besonders auf die Spätfolgen hin und stellt fest, dass es zwar grundlegende permanente Persönlich­keitsänderungen geben könne, wie etwa "eine misstrauische oder feindselige Haltung, ein regressives Sozialverhalten, Gefühle der Leere, der Hilflosigkeit, des Fremdseins und ein immer­währendes Bewusstsein der Furcht vor zukünftiger Bedrohung" (314). Entscheidend sei jedoch "die detaillierte klinische Schilderung der Geschichte des betreffenden individuellen Patienten" (328). Er gibt am Ende folgende Empfehlungen: "Basierend auf dem obigen Material und den erreichten Schluss­folgerungen ist es nunmehr möglich, eindeutige Empfehlungen verbunden mit weiterer Forschung über spät ausbrechende, posttraumatische Reaktionen, wie auch über Vorbeugung, Intervention, Rehabilitation und Kompensation, zu machen. Was Letztere anbelangt, dem alleinigen Zweck der gegenwärtigen Expertise, ist die Empfehlung auf eine Korrektur der überholten Gesetze vor dem Jahr 1969 hinzuarbeiten, die derzeit die Einreichung von Entschädigungsanträgen für spät aus­bre­chende, post-traumatische Reaktionen und Leiden ausschließt, zu einer Zeit, in der dies am drin­gendsten notwendig ist" (346). Es ist dies eine fundierte wissenschaftliche Forderung, der es noch nicht vergönnt war, Gehör zu finden, obwohl sie inzwischen schon einige Jahre alt ist.

Es ist nur dem Engagement der beiden Herausgeber zu verdanken, dass das Buch überhaupt erscheinen konnte. Es ist jedoch erschreckend, dass das Interesse an dieser Diskussion in Deutschland auf einen sehr kleinen Personenkreis beschränkt bleibt. Die Hilfe bleibt überwiegend in Privatinitiative organisiert, staatliche Unterstützung für ESRA kam nur aus Holland. Es wäre dringend an der Zeit, dass sich hier kurzfristig etwas ändert. Internationale Anlaufstellen wie Tamach in der Schweiz, ESRA in Österreich und AMCHA, eine Organisation, die jüdischen Überlebende weltweit bei der Bewältigung der traumatischen Folgen der Verfolgung hilft, zeigen, dass das nationalsozialistische Projekt "Ermordung der Juden Europas" noch kein Fall für das Museum ist. Das ist einerseits traurig, andererseits aber auch gut so.

 

Alexandra Rossberg, Johan Lansen: Das Schweigen brechen. Berliner Lektionen zu Spätfolgen der Schoa

ISBN 3-631-37967-6, Frankfurt am Main: Peter Lang 2003 € 29,80

 

Nikoline Hansen