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Die Mahnung 44/1    1. Januar 1997

 

Täter und Tatgehilfen im Nationalsozialismus

Zur Darstellung der Täter in den Gedenkstätten

Zum Thema "Täter und Tatgehilfen im Nationalsozialismus. Zur Darstellung der Täter in den Gedenkstätten" fand vom 20.-22. November 1996 auf Einladung der Stiftung Topographie des Terrors, Berlin, und der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung eine Tagung in Hannover statt. Neben Vorträgen, die bereits abgeschlossene Ergebnisse präsentierten, wurde über eine Reihe von laufenden Forschungsarbeiten berichtet, was deutlich macht, dass das Thema zur Zeit auch unabhängig von der Goldhagen-Debatte hoch im Kurs steht.

In erster Linie ging es darum, Herkunft, Werdegang und Motive der Täter zu erarbeiten. Der zweite Teil - nämlich die Präsentation der wissenschaftlichen Ergebnisse in der Gedenkstättenarbeit, kam - zum Bedauern der Teilnehmer - zu kurz. Dies ist sicherlich darauf zurückzuführen, dass bislang vorrangig über die Opfer und deren Leidensgeschichten geforscht wurde. Inzwischen setzt sich aber offensichtlich die Erkenntnis durch, dass die Schicksale der Opfer nicht die entscheidenden, immer wieder gestellten Fragen "warum" und "wie konnte das geschehen" beantworten können. Nach 50 Jahren scheint es jetzt endlich möglich zu sein, sich auch im Land der Täter diesen Fragen nicht nur rhetorisch zu stellen, sondern sie ernsthaft wissenschaftlich zu untersuchen. In Berlin implizieren das Haus der Wannseekonferenz und die Topographie des Terrors diesen Ansatz ja bereits durch den Ort, an dem sie eingerichtet wurden; für KZ-Gedenkstätten ist er jedoch neu. Das mögliche Konzept von Dr. Insa Eschebach für eine Ausstellung über KZ-Aufseherinnen in Ravensbrück - abgesehen vom Vortrag Annegret Ehmanns vom Haus der Wannseekonferenz das einzige praktische Beispiel dazu, wie eine Umsetzung solcher Forschungsarbeiten aussehen könnte - überzeugte. Dies auch deshalb, weil die hierin liegende mögliche Gefahr, in der Personifizierung der Täterinnen "Ikonen für ichsuchende Personen" zu schaffen, aus etwa in der Wewelsburg gemachten Erfahrungen erkannt wurde und ihr deshalb wirkungsvoll begegnet werden kann. Einer Fetischisierung, die sich in populären Darstellungen von SS-Kommandeusen in Amerika - hier erschien eine Biographie der Irma Grese unter dem Titel "The Beautiful Beast" - abzeichnet, soll mit der (kommentarlosen) Repräsentation der Widersprüchlichkeiten des Quellenmaterials entgegengewirkt werden, die den Betrachter dann zu eigener Reflexion anregen kann.

Einen hervorragenden Einstieg in die Thematik boten die beiden Vorträge des ersten Tages. Professor Dr. Henry Friedländer referierte über "Die Täter: Herkunft, Werdegang und Motive", wobei er wiederholt feststellte, dass er im Laufe seiner Forschung eine Reihe von Gründen gefunden habe, die die durchweg recht jungen Täter veranlassten, sich entsprechend zu verhalten - etwa Profilierung und Karriere oder schlicht Umgehung des Armeedienstes -, es ihm aber absolut unverständlich sei, wie man Diktator sein oder Menschen umbringen könne. Er gab zu bedenken, dass Antisemitismus keine für sich stehende Einstellung sei, sondern stets mit anderen Diskriminierungsvorstellungen einhergehe - dies habe auch für die Zeit des Nationalsozialismus gegolten. Einen sehr radikalen, nicht umstrittenen Ansatz bot das Referat von Professor Dr. Wolfgang Sofsky "Die Normalität des Bösen - Gewaltformen und Täterhabitus in den Konzentrationslagern"; der soziologische Ansatz führt zu einer abstrakten Verallgemeinerung des Problems und war damit für eine Reihe von Historikern nur schwer nachvollziehbar. Sofsky These lautet, dass die Erfahrung des Bösen einer der Entwürfe der grundlegenden Freiheit des Menschen sei und dass eine unbegrenzte Macht der Freiheit daher zur Willkür und Vernichtung führen müsse. Es habe nicht Zwang, sondern die Erlaubnis zu töten geherrscht. Insofern müsse die Vorstellung des "Kadavergehorsam" revidiert werden, da es sich gerade bei der ausgeübten Gewalt um Eigeninitiative und eine Folge der Freiheit des Einzelnen gehandelt habe - sozusagen um einen Wettbewerb der Barbarei. Seine beachtenswerte und überaus schlüssig vorgetragene These ist unbequem, aber von höchster Relevanz besonders in Bezug auf das Verhalten von Gruppen und damit auch für die heutige Gesesllschaft erschreckend aktuell.

Nikoline Hansen