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Die Mahnung 52/4    1. April 2005

Reinhard Rürup über seine

„Erfahrung als Direktor der Stiftung Topographie des Terrors“

 

Im Rahmen des zweitägigen Symposiums „Die Berliner Universität und die NS-Zeit. Verant­wortung, Erinnerung, Gedenken“ der Humboldt-Universität zu Berlin hielt Professor Dr. Reinhard Rürup am 28. Januar 2005 einen Vortrag, in dem er über seine Erfahrungen als wissenschaftlicher Direktor der Stiftung Topographie des Terrors berichtete. Nach einer aus­führlichen Skizzierung der beiden deutschen Erinnerungskulturen – die Verklärung des anti­faschistischen Kampfes in der DDR, im Gegensatz dazu die westdeutsche vorrangig in die Zukunft orientierten Gedenklandschaften, die in den achtziger Jahren zu einer Geschichts­bewegung und damit in gewisser Hinsicht auch zu einer Demokratisierung führte, in deren Rahmen das Interesse am Holocaust „teilweise geradezu beunruhigend“ zugenommen habe. Auch das internationale Interesse erwachte spät: Anfang der achtziger Jahre entstand das United States Holocaust Memorial Museum in Washington, 2000 folgte London und im Januar 2005 die Einweihung eines Denkmals in Paris.

 

Deutschland hat es daher schwerer als die anderen Nationen, da es nicht nur seiner Opfer gedenken, sondern sich gleichzeitig mit den Tätern auseinandersetzen muss. Die Topographie des Terrors als zentraler Ort der Planung des rassistischen Terrors zeigt, dass die Ausein­ander­setzung mit den Tätern die Erinnerung schwieriger macht – so kann man kurz gefasst Rürups zwanzigjährige Auseinandersetzung mit dem Thema bilanzieren, die mit der proviso­rischen Ausstellung 1987 begann und die mit seinem Rücktritt als Direktor der Stiftung letztes Jahr ganz offensichtlich noch nicht beendet ist. Rürup selbst war anfangs skeptisch, ob es richtig sei, Grabungen zur Sicherung der Gebäudereste vorzunehmen und die Ausstellung daran zu orientieren, ließ sich letztlich aber durch die große emotionale Wirkung des histo­rischen, gleichwohl nicht mehr authentischen Ortes von dem Konzept überzeugen. Auch der Begriff „Topographie des Terrors“, dem er anfangs ebenso kritisch gegenüber stand, der aber mangels besserer Alternativen dann doch etabliert wurde, hat sich inzwischen zu einem Marken­zeichen entwickelt, das weit über Berlin hinaus bekannt und im beabsichtigten Sinn genutzt wird. Die breite öffentliche Diskussion bei der Erarbeitung des Geländes war so groß, wie bei keinem anderen Projekt – jetzt vielleicht mit Ausnahme des Denkmals für die ermordeten Juden Europas, das ebenfalls eine erhebliche Reflexion in der Öffentlichkeit erfahren hat. Die Dokumentation der Ausgrabungen sei zurückhaltend aber parteiisch im Sinne einer liberalen demokratischen Gesellschaftsordnung. Nach zwanzig Jahren sei es jetzt allerdings wegen des neuen Forschungsstandes und der neuen medialen Möglichkeiten notwendig, diese überaus erfolgreiche Ausstellung zu überarbeiten.

 

Zur Auswahl des Zumthor-Entwurfs 1993 sagte Rürup, dass sich seinerzeit die Architekten in der Jury gegen die fachlichen Einwände durchgesetzt hätten, die Ästhetik sich also gegen die funktionalen Mängel durchgesetzt habe, allerdings habe die Stiftung nach der Entschei­dung niemals Zweifel gehabt, dass das Projekt trotz der Planungs- und Kostenprobleme real­isiert würde. Er selbst habe dann sogar die Bedeutung des Zumthor-Entwurfs im Ensemble als Berliner Dreieck zusammen mit dem Holocaust-Denkmal und dem Jüdisches Museum hervor­gehoben. Letztlich sei er dann zurückgetreten, weil kein konkretes Datum für die Wieder­aufnahme der Bautätigkeiten genannt wurde. Daraus folgt, dass die Trennung von Zumthor ganz offensichtlich eine Befreiung ist –allerdings eine schmerzliche, da ohne Erfolg und da sie ein Eingeständnis der Niederlage sei. Dies werde besonders deutlich im Vergleich mit der Errichtung der Neubauten am Potsdamer Platz, bei denen der erste Spatenstich am 1. September 1993 erfolgt war. Auch dies ein Grund, weshalb die Proteste gegen die Aufgabe des Entwurfs bald abflauten. Der Abriss der Fundamente sei nicht nur aus urheberrechtlichen Gründen notwendig, sondern auch, weil der Grundriss von 17 mal 120 Meter Länge für eine andere Architektur außer der Zumthors eher abwegig sei. Der Abriss der Fundamente sei auch deshalb notwendig, um ein Ablenken vom eigentlichen Gelände zu vermeiden und damit eine Entwertung des historischen Ortes zu verhindern. Es sind dies alles logische Argumente, die deutlich machen, welche Problematik sich auf dem Gelände verbirgt.

 

Als Gründe für das Scheitern nannte Rürup, dass die Architektur komplizierter war als gedacht, dass bei der Bauverwaltung umfangreiche Genehmigungsverfahren liefen, denn man habe „nie gewusst, wie das Gebäude funktionieren soll“. Teil des Konzepts war das experi­men­telle Bauen, und spätestens bei Erteilung der Baugenehmigung 1995 hätte der Berliner Bau­verwaltung klar sein müssen, dass es zu Problemen kommen würde, da keine Detailfragen geklärt waren. Die Stiftung war in diese Prozesse nicht einbezogen. Ein noch vom ehemaligen Bausenator Strieder eingesetzter Ausschuss, der Transparenz schaffen sollte, blieb erfolglos, sodass die jetzt erfolgte Übernahme der Verantwortung durch das Bundesbauamt die folge­richtige Konsequenz ist. Das Schweigen der Stiftung erklärte Rürup damit, dass Bubis als Kritiker alleine blieb, seine Argumente scheinbar zwingend widerlegt wurden und vor allem, dass die Probleme nie gebündelt sondern immer nur einzeln auf den Tisch kamen – wie die häppchenweise Erhöhung der Bausumme und die Verschiebung des Fertigstellungstermins von 1998 auf zuletzt 2008. Da die Stiftung kein eigenes Baureferat habe, sei sie von der Senatsverwaltung abhängig und somit dieser Salamitaktik ausgeliefert gewesen. Dabei sei die historische Bedeutung des Vorhabens seitens der Politik nie in Frage gestellt worden, die Unterstützung sei „aber eher lahm“ gewesen, der Enthusiasmus fehlte – auch hier spielt sicher eine Rolle, dass die Auseinandersetzung mit den Tätern schwieriger ist als die mit der jüdischen Geschichte. Der Ort selbst sei „sperrig und ungeeignet für öffentliche Auftritte“. Hinzu sei seitens des Landes Berlin die Überlegung gekommen, dass sich der Bund, da es sich bei der Topographie des Terrors um ein nationales Anliegen handele, stärker finanziell engagieren könne; dessen rechtliche Beteiligungsmöglichkeiten seien jedoch im Rahmen des Gedenk­stätten­konzepts mit der bereits erfolgten 50 prozentigen Finanzierung ausgeschöpft gewesen. So habe jeder Baustopp jeweils auch eine akute Entlastung des Berliner Haushalts bewirkt und sei damit politisch durchsetzbar gewesen.

 

Das immer wieder – zuletzt von Senator Flierl gehörte Argument, die Stiftung solle durch die Architektur „arbeitsfähig gemacht werden“ sei allerdings haltlos – denn die Stiftung arbeitet, wenn auch unter erschwerten Bedingungen, seit Jahren sehr erfolgreich. Dies betrifft sowohl den Ausstellungsbereich, der in verschiedenen Sprachen auch an anderen Orte als Wander­aus­stellung gezeigt wird, als auch das Gedenkstättenreferat, das 1993 von der Aktion Sühne­zeichen übernommen wurde und die Arbeit der Gedenkstätten koordiniert durch Organisation regelmäßiger Seminare, internationaler Konferenzen und Studienreisen, Bereitstellung eines Forums im Internet mit täglichem Pressedienst und nicht zuletzt durch die Herausgabe des Gedenkstättenbriefes und Beratertätigkeit, etwa des Auswärtigen Amtes. Ein dritter erfolg­reicher Arbeitsbereich ist die Bibliothek, die über 20.000 Titel umfasst, die elektronisch vorbildlich erschlossen sind, eine Vernetzung des Thesaurus mit anderen Bibliotheken ist erfolgt, die Bibliothek selbst im Martin-Gropius-Bau voll arbeitsfähig.

 

Sodann gab Rürup einen Ausblick auf die anstehenden Tätigkeiten der Topographie des Terrors: der Abriss der Fundamente sei erfolgt, das Gelände werde derzeit wieder in den alten Zustand vor Baubeginn versetzt, die Ausschreibung sei vorbereitet. Dabei sei es allerdings wichtig, die Aufgaben, Ziele und Forschungsaktivitäten präzise zu benennen, auch sei von anderen Besucherzahlen auszugehen als Anfang der neunziger Jahre. Damals rechnete man mit 100.000 Besuchern jährlich, inzwischen sind es 350.000 im Provisorium – ein Faktor, der keinesfalls unterschätzt werden dürfe. Dazu seien neue Arbeitsbereiche wie Bildungsarbeit und das Gedenkstättenreferat gekommen, die ebenfalls berücksichtigt werden müssten. So sei zu befürchten, das die Versuchung groß sei, mit den zu Verfügung stehenden begrenzten Mitteln zu klein zu bauen, obwohl es sicher möglich sei, die Bauten auch mit den vorhan­denen Mitteln so auszulegen, wie sie benötigt würden. Dies allerdings möglicherweise nur zulasten des ästhetischen Anspruchs, der beim ersten Wettbewerb mit der Architekten­mehr­heit zu der Entscheidung für den Zumthor-Entwurf geführt hatte. Rürup verwies als Beispiel für die erfolgreiche Durchführung einer Ausschreibung auf die guten Erfahrungen bei der Neugestaltung der Gedenkstätte Bergen-Belsen, wo Architekten mit Kenntnissen der Gedenkstättenarchitektur in der Jury mitgewirkt hätten, was zu einer hervorragenden und sehr konstruktiven Zusammenarbeit der Entscheidungsträger geführt habe.

 

Zuletzt ging Rürup auf die aktuellen Vorstöße ein, die Gedenkstättenlandschaft neu zu gestalten, die auf einen Antrag der CDU-CSU Bundestagsfraktion zur "Förderung von Gedenk­stätten zur Diktaturgeschichte in Deutschland - Gesamtkonzept für ein würdiges Gedenken aller Opfer der beiden deutschen Diktaturen" vom Juni 2004 zurück geht. Inzwi­schen hat sich die Meinung durchgesetzt, dass es sinnvoll ist, zwischen den beiden Diktaturen zu unterscheiden, zumal sie einen völlig eigenständigen Charakter haben: Die Diktatur in der DDR betrieb keinen Völkermord, und sie blieb in ihren eigenen Grenzen, wohingegen die Ver­brechen während des Nationalsozialismus vorrangig außerhalb der eigenen Grenzen begangen wurden. Im Zuge dieser Debatte, in der auch die Einrichtung einer Bundesstiftung ange­regt, jedoch aus verfassungsrechtlichen Gründen (Länderhoheit) wieder verworfen wurde, hat sich in den zuständigen Ministerien doch die Ansicht durchgesetzt, dass zumindest eine organisatorische Bündelung sinnvoll sei, bei weitgehender Eigenständigkeit der Gedenk­stätten. Hierfür sind in Berlin die Stiftung Topographie des Terrors, der Trägerverein des Hauses der Wannsee-Konferenz, die Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand und die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas im Gespräch. Das Konzept wurde von den betroffenen Einrichtungen anfangs deutlich abgelehnt, inzwischen seien die Widerstände allerdings geringer geworden, so Rürup. Im Gespräch sei eine gemeinsame Infrastruktur mit den Bereichen Öffentlichkeitsarbeit, Lektorat, sowie eine zentrale gemeinsame Adresse, die die Berliner Gedenkstättenlandschaft deutlicher nach außen sichtbar machen solle. Rürup betonte, dass diese Diskussionen derzeit nur in den Ministerien geführt würden, es seiner Ansicht nach sehr wohl sinnvoll sei, sie auch in der Öffentlichkeit zu führen.

 

Einen ersten Hinweis auf derartige Überlegungen hatte ein Artikel in der Frankfurter Allge­meinen Zeitung (27.11.2004, Nr. 278 / Seite 35) geliefert. Nach meinem Kenntnisstand ist eine öffentliche Debatte ansonsten bisher noch erfolgt. Ich persönlich habe erhebliche Beden­ken, die Topographie des Terrors, das Haus der Wannseekonferenz und das Denkmal für die ermordeten Juden dergestalt zusammenzufassen, da ich hier wieder eine deutliche Gefahr darin sehe, dass die Aufarbeitung der Tätergeschichte, die ja das vorrangige Interesse der deutschen Geschichtsschreibung sein sollte und sich als solche nur sehr mühselig von der Geschichte der Verfolgten gelöst hat, wieder relativiert wird, indem sie mit der Perspektive der Opfer unter einem Dach zusammengefasst wird – auch unter Berücksichtigung des Aspekts, dass Geschichte nie so schwarz und weiß ist, wie das verkürzt dargestellt in diesen vielleicht noch nicht einmal zur Klassifizierung wirklich geeigneten Schlagworten den Anschein hat. Es stünde uns gut an, die Topographie des Terrors als Ort der Schreibtischtäter, die auch vor handgreiflichen Foltermethoden vor Ort nicht zurückschreckten, als den Ort zu präsen­tieren, der er ist: Die Zentrale, von der der Terror gegen die Menschlichkeit, die Verletzung der Menschenrechte und die vorgeblich als rassisch deklarierte Vernichtungs­politik ihren Ausgang nahm, wo sie geplant und verwaltet wurde und wo ihre Umsetzung überwacht wurde. In dieser Funktion sollte sie, ungeachtet der ihr übertragenen weiter­gehen­den Auf­gaben der Vernetzung autonom bleiben und in ihren Forschungs­aktivitäten und Weiter­bildungs­angeboten zusammen mit dem Haus der Wannseekonferenz besonders gefördert werden. Nur in diesem Rahmen ist eine ehrliche Aufarbeitung der deutschen Geschichte des Nationalsozialismus möglich.

 

Nikoline Hansen