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Die Mahnung 52/4  1. April 2005

 

Ungewollte Erinnerung

Die Problematik der Identitätskonstruktion in der deutschen Gedenkstättenlandschaft

 

Pünktlich zum Faschingdienstag hat Kulturstaatsministerin Christina Weiß verkündet, dass sie beabsichtigt, die NS-Gedenkstätten zu unterstützen. Dies ist, 60 Jahre nach Kriegsende, ein wahrhaft bedeutendes Bekenntnis der bundesdeutschen Regierung zur Verantwortung für die nationale Geschichte. Hierzu sollen sich die vier Berliner Gedenkstätten "Holocaust-Mahnmal", "Topographie des Terrors", "Haus der Wannsee-Konferenz" und "Gedenkstätte Deutscher Widerstand" in einer Bundesstiftung wieder finden (Presseerklärung vom 8.2.2005). Dass etwas in dieser Richtung geschehen sein musste, ging aus einer Presseerklä­rung des Berliner Kultursenators Thomas Flierl hervor, die den wichtigen Satz enthält: "Natürlich wünschen wir uns, dass der Bund sich über die neue Trägerschaft hinaus auch finanziell stärker engagiert".

Wer dann allerdings den Konzept-Vorschlag "Geschichte und Gedenken in Deutschland: Doku­mentation der NS-Verbrechen" der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien bis zum Punkt 3 "Finanzielle Auswirkung" liest, erfährt: "Die Umsetzung der Empfeh­lungen soll nicht zu weiteren, zusätzlichen Belastungen des BKM-Haushalts führen". Diese Worte sind deutlich. Und erschreckend ist, dass über dieses Konzept ganz offen­sicht­lich versucht werden soll, die Finanzierung des seinerzeit aus privater Initiative entstan­denen "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" – im Volks- und Regierungsmund "Holocaust-Mahnmal" genannt, in genau dem Haushaltstopf unterzubringen, aus dem auch die Berliner Gedenkstätten mit konkretem historischem Bezug finanziert werden, als da sind die Gedenk­stätte deutscher Widerstand, das Haus der Wannseekonferenz und die Topographie des Terrors. Dies ist – meines Erachtens, schlichtweg ein Skandal, denn hier wird wieder einmal versucht, sich der Verantwortung für die Täterorte zu entziehen und stattdessen das Gedenken an die Opfer zu finanzieren, das sicher auch eine deutsche Aufgabe ist, aber eben eine auf einer anderen Ebene gelagerte. Wir brauchen uns nicht zu wundern, wenn die Jugend rebelliert und es "einfach nicht mehr hören" kann – denn dies ist ein absolut unehrlicher Umgang mit der Geschichte aus deutscher Perspektive.

Nun zu Punkt 4: Es handelt sich bei dieser Vorlage der Kulturstaatsministerin wohlgemerkt um "Vorschläge, die einer breiten öffentlichen Diskussion mit allen Beteiligten und Betroffenen bedürfen" – also dann auf in den Kampf: Die Auseinandersetzung um Gedenkort oder Mahnmal, Aufarbeitung der Geschichte oder Opfergedenken ist eröffnet. Das bedarf wohl keines weiteren Kommentars. Es geht um ein schon jetzt zu knappes Budget, das durch die Eingliederung des neu geschaffenen repräsentativen Opfer-Denkmals in die historische Gedenkstättenlandschaft weiter reduziert wird. Und es ist anzunehmen, dass dies nicht das letzte Opfer-Denkmal sein wird: Das geplante "Mahnmal an die ermordeten Sinti und Roma" zur Erinnerung an die von den Nationalsozialisten ermordeten Sinti und Roma soll 2006 fertig gestellt sein, nur eine Einigung bezüglich der Inschrift konnte noch nicht erzielt werden (Presseerklärung vom 28.02.2005), und es ist absehbar, dass weitere folgen werden, sofern die betroffenen Opfergruppen selbst ausreichende Stärke haben oder in der Lage sind, ausreichende Unterstützung in der Bevölkerung zu mobilisieren, denn auch dies gehört in der Regel dazu: Wer in der Lage ist, seine Ansprüche möglichst öffentlichkeits­wirk­sam geltend zu machen wird erhört – ein Vorgehen, das nicht gerade für ein Konzept spricht, zumal es, wie die jüngste Diskussion um die Inschrift erweist – und wie sicher auch die Größe der entsprechenden Denkmäler implizieren wird – mit der Gefahr einer Kategorisierung der Opfer verbunden ist. Am 7. April findet in Berlin ein Auftakt-Kolloquium zum Kunstwettbewerb "Gedenkort für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen" statt.

Jetzt finanzieren wir also das "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" – ästhetisch glatt und von einem überzogenen Symbolgehalt, der Emotionen nicht mehr zulässt, ergänzt durch einen "Ort der Information“", der exemplarisch Schicksale verfolgter Familien darstellt. Das Denkmal ist gigantisch und versucht in seiner Größe, den Besucher sprachlos zu machen, ihn durch Masse und Fläche quasi zu überzeugen – und es ist ganz eindeutig ein Versuch der Rechtfertigung: Seht her, wir erkennen die toten Opfer an – wiederum ein Ersatz für die nur zögerlich gemachten Zugeständnisse, den noch Lebenden ehemals Verfolgten beim Kampf gegen die noch immer erkennbaren Folgen nicht nur finanziell sondern auch durch ideelle persönliche Anerkennung zu helfen – und opfern selbst einen exponierten Platz in der Stadtmitte der neuen Hauptstadt Berlin. Ich möchte deshalb hier noch einmal explizit in Erinnerung rufen, was unser verstorbener Vorsitzender Werner Goldberg bereits anlässlich des 50. Jahrestages der Gründung des BVN am 27. Juni 1996 in seiner Ansprache erklärte: "Wir haben den Opfern der NS-Vergangenheit ein Denkmal geschaffen, das aus den Trümmern der Synagoge in der Fasanenstraße zusammengefügt wurde und mehr Aussage­kraft besitzt, als wohl künstle­rische Monumentalgestaltung es jemals zu erbringen vermag. Auch in seiner Schlicht­heit rührt es den Passanten an, der am Steinplatz in Charlottenburg daran vorüber geht. Es ist, genau aus diesem Grund, ein Denkmal, das für die Betroffenen einen authen­tischen Symbolcharakter hat." Die Diskussion, deren Sinnlosigkeit schon damals abzusehen war, ging weiter. Daher hat sich der BVN auch nach anfänglichem Interesse schon frühzeitig aus der öffent­lichen Debatte zurückgezogen. So erklärte Werner Goldberg auf der Mitgliederversammlung am 4. Mai 1999: „Natürlich haben wir die Bemühungen der Gedenk­stätten mit Sympathie verfolgt, ihre Ausstattungen mit finanziellen Mitteln nicht zu vernach­lässigen. Es wird nach unserer Ansicht zu wenig beachtet, dass wir neben dem Haus der Wannseekonferenz , der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und der Stiftung Topographie des Terrors in allen Berliner Bezirken Mahnmale und Gedenkstätten haben, die an die unselige Vergangenheit nicht nur erinnern, sondern auch Forschungs­mög­lich­keiten und ein stilles Gedenken ermöglichen. Dass unser Mahnmal am Steinplatz wegen der damit verbun­de­nen Stromkosten nicht mehr beleuchtet werden kann, dass branden­burgische Gedenkstätten finanziell Not leidend werden und sogar eine Hinaus­zögerung des Baus der Topographie des Terrors ins Kalkül gezogen wurde, macht die Diskussion um das Holocaust­denkmal in der Mitte Berlins noch fragwürdiger, als sie ohnehin schon ist. Wir haben beschlossen, uns daran nicht mehr zu beteiligen. Jedoch werden wir immer wieder darauf hinweisen, wie man mit denen umgeht, die das Inferno, dessen man mit dem Monu­mental­denkmal gedenken will, überlebt haben" (Die Mahnung 1. Juni 1999).

Sechs Jahre später stehen wir vor einer damals nicht vorstellbaren Situation: Um die Renten­zahlun­gen für die Verfolgten muss nach wie vor Cent für Cent gekämpft werden. Dafür ist das Holocaustdenkmal nun fertig gestellt und kurz vor der Einweihung, terminge­recht zum 60. Jahrestag der Befreiung, die als solche offensichtlich nur von einem kleineren Teil der Bevölkerung wahrgenommen wird, wie die anhaltenden Diskussionen um das Ein­schlie­ßen aller Opfer des 2. Weltkriegs in das Gedenken mit die Geschichte verfälschenden Formu­lierungen wie "Opfer des sinnlosen Bombenkriegs" zeigen – denn gerade der Bomben­krieg wurde von den Verfolgten nie als sinnlos erachtet, da er doch die Hoffnung auf Befreiung implizierte, auch wenn sie selbst mit darunter litten, sofern sie nicht bereits deportiert waren. Nun also sollen die ohnehin zu knappten Gelder für die Gedenkstätten und historischen Erinnerungsorte quasi weiter zusammen gestrichen werden, indem sie ein Denkmal mitfinanzieren, das einen vorrangig repräsentativen Charakter hat.

Jetzt, im Jahr 2005, ist also der Bau der Topographie des Terrors, dem Erdboden gleich­gemacht, quasi angelangt an ihrem Status quo vom 28.Januar 1992, als der Berliner Senat die Einrichtung einer Stiftung beschloss - wäre nicht die jahrelange wertvolle wissenschaftliche Forschungsarbeit und das gut besuchte Provisorium, das wohl allein schon wegen der ausländischen Besucher nicht geschlossen werden kann. Vielleicht ist das kein böser Wille, aber es ist mit Sicherheit die Macht des Unbewussten, die das Entstehen einer sinnvollen Einrichtung verhindert. Dabei könnte gerade dieser Ort auch das Bedürfnis eines großen Teils der Bevölkerung befriedigen, etwas über die Ursprünge und das Entstehen des National­sozialis­mus zu erfahren – dies als Grund für einen Besuch in der Gedenkstätte Auschwitz anzuführen, wie es immer wieder geschieht, zeugt schon von dem Verdrängen vor Ort, also in Deutsch­land, wo die Verbrechen geplant wurden. So kann man heute schon fast sagen, dass es in gewissen Kreisen zum "Muss" gehört, "in Auschwitz gewesen zu sein" – dass jemand die Gedenkstätte Sachsenhausen besucht hätte, habe ich als Rechtfertigung dafür, die "richtige politische Einstellung zu haben" bislang noch nicht gehört. So hegen und pflegen wir einen Mythos, der gefährlich werden kann, wenn er sich dermaßen der Realität entzieht. Wir müssen aufpassen, dass wir keine Gedenkkultur schaffen, die nicht mehrheitsfähig sein kann, und es gibt keinen besseren Zeitpunkt als jetzt endlich damit aufzuhören, statt historischer Erinnerung weitere Stätten der Ausflucht zu schaffen. Die DDR hat den Mythos der Kämpfer gegen den Antifaschismus geschaffen, und damit die Geschichte zu ihren Zwecken instrumentalisiert. Mit diesem totalitären Ansatz hat sie die Grundlagen für die Akzeptanz von rechtsradikalem Gedankengut in der Bevölkerung geschaffen, die auch 15 Jahre nach der Wende noch fortwirkt. In der Bundesrepublik hat sich derweil eine Empathie mit den "Opfern des Nationalsozialismus" entwickelt, die allenfalls an der Oberfläche funktionieren kann, solange nicht die Bereitschaft besteht, in einen offenen und ehrlichen Dialog zu treten. Und dazu gehört sehr viel mehr als das Anerkennen einer Schuld. Die Bürgerinitiative, aus der die Topographie des Terrors entstand, hat einen Anfang gemacht. Sie ist ein herausragendes Zeichen einer funktionierenden Demokratie und sie muss jetzt, wo sie in der Situation ist, durch die Bundesregierung institutionalisiert worden zu sein, aufpassen, dass sie nicht marginalisiert wird – denn die Umstände, unter denen sie gezwungen sein wird zu arbeiten, falls die Entscheidung der Deckelung der Finanzen so bleibt, legen nahe, dass die offizielle Politik keinen anderen Zweck als diesen verfolgt – auch wenn es lange Jahre anders ausgesehen hat, als noch die Euphorie einer möglichen Fertigstellung des Baus für den Ort zum 60. Jahrestag der Befreiung Hoffnung gab. So heißt es auf den Webseiten der Topographie: "Im Frühjahr 2001 legte der bau begleitende Ausschuss (BBA) seinen Endbericht vor, der die Gesamtsumme der Baukosten auf DM 76 Mio. festlegt. Laut Staatsminister Nida-Rümelin wird der Bund sich hälftig an den Baukosten in Höhe von DM 76 Mio. beteiligen. Der Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses nahm den Bericht des BBA in seiner Sitzung am 4.Juli 2001 zustimmend zur Kenntnis: Damit sind die Weichen für die Fortführung der Bauarbeiten und die Fertigstellung des Dokumentationszentrums gestellt. Als Eröffnungsdatum nannte die Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Kultur den 60. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges am 8. Mai 2005". Dem ist nichts hinzuzufügen.

Wir wünschen uns, dass jetzt nach 60 Jahren, wo der Einfluss derjenigen, die für das Funktionieren des nationalsozialistischen Terrorregimes Verant­wortung trugen, auf die bundesdeutsche Politik schwindet, endlich die Aufarbeitung der deutschen Geschichte auch unter Einbeziehung der Geschichte und Motivation der Täter möglich wird. Nur so können wir wirkungsvoll verhindern, dass sich Geschichte wiederholt und zur Festigung der Demokratie in der Bundesrepublik beitragen.

Es ist außerordentlich wichtig, dass sich Deutschland der Tatsache bewusst ist, dass es seit 60 Jahren im Frieden lebt, dass es ein Grundgesetz hat, das beispielhaft ist und dass es eine Demokratie geschaffen hat, in der jeder das Recht hat, in Freiheit zu leben. Dieses sind Erfolge, auf die wir stolz sein können, und an die wir erinnern müssen – die ehemals NS-Verfolgten würden ein derartiges Bekenntnis zum 8. Mai begrüßen.

 

Nikoline Hansen

 

Dieser Beitrag ist gegenüber der in der Mahnung als Leitartikel veröffentlichten Fassung von der Autorin leicht geändert. Er erschien so in "Freiheit und Recht" Mai 2005/2, Vierteljahreszeitschrift für streitbare Demokratie und Widerstand gegen Diktatur, herausgegeben vom Zentralverband Demokratischer Widerstandskämpfer und Verfolgtenorganisationen e.V. Bonn (ZDWV), Dr. h.c. Annemarie Renger, Postfach 12 06 17, 53048 Bonn