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Die Mahnung 1. September 1983

 

Vorläufer des Bundes der Verfolgten des Naziregimes Berlin e. V.

Von Hans Faust

Anläßlich des 3Ojährigen Bestehens des Zentralorgans demokratischer Widerstandskämpfer und Verfolgten-Organisationen "Die Mahnung" bin ich aufgefordert worden, etwas über die Vorgeschichte des BVN zu berichten. Ich muß gestehen, daß ich mich nur sehr zögernd dazu entschlossen habe. Als Lizenzträger des ehemaligen Verbandes der Opfer der Nürnberger Gesetze und Vizepräsident sowie als zeitweiliger Generalsekretär des am 27. Juni 1946 gegründeten gleichnamigen Vereins konnte ich mich dieser Aufforderung jedoch nicht entziehen. Umso weniger als ich der Älteste der drei heute noch lebenden Unterzeichner des Gründungsprotokolls dieses Verbandes bin. Dennoch hat es mich Überwindung gekostet, in diese schrecklichen Jahre zurückzugehen.

Aufgewachsen in einer Umgebung, als deren integraler Bestandteil sie sich empfanden, mit der Kultur und der Landschaft, in der man lebte, verwachsen, waren die meisten Menschen jüdischer Abstammung, die sich in erster Linie als deutsche Staatsbürger betrachteten, über die Boykottmaßnahmen und die Judengesetzgebung der neuen Machthaber bereits in den ersten vier Monaten des Jahres 1933 völlig konsterniert. Man mußte auch erst herausfinden, wen die Nationalsozialisten als "Juden" und wen sie als "Nichtarier" ansahen und welche Rechtsfolgen sich daraus ergaben; denn es gab ja Menschen jüdischer Abstammung, die teilweise schon seit drei Generationen christlichen Kirchen angehörten. So wurde analog der "Reichsvertretung der Deutschen Juden" am 20. Juli 1933 der "Reichsbund christlich-deutscher Staatsbürger nichtarischer oder nicht rein arischer Abstammung e.V." gegründet, der am 13. Oktober 1933 in das Vereinsregister des Amtsgerichtes Berlin unter dem Aktenzeichen Nr. 7278 eingetragen wurde. Er bekannte sich zum Festhalten an deutscher und christlicher Gesinnung und Kultur. Als Zweck des Reichsverbandes wurde in § 3 der Satzung die gemeinnützige Förderung der Interessen seiner Mitglieder unter Ausschluß politischer oder geschäftlicher Ziele des Verbandes angegeben. Das hieß in der Praxis vor allen Dingen Hilfe zur Selbsthilfe. Dazu diente zunächst ein hektographiertes Mitteilungsblatt, das vom 20.10.1933 bis zum 6.12.1934 in dieser Form erschien. Bereits am 20.3.1934 konnte dieses Blatt die Adressen der Ortsgruppen des Reichsverbandes in Breslau, Essen, Frankfurt/Main, Hamburg, Hannover, Köln und Stuttgart bekanntgeben, die jeweils für die Länder oder Regierungsbezirke zuständig waren, in denen sie lagen. Ferienerholungsaufenthalte für Kinder, Umschulungs- und Ausbildungsmöglichkeiten für Jugendliche wurden organisiert und Fachkurse für Erwachsene angeboten, Vortragsabende veranstaltet. Seit dem 23.5.1934 konnte der Reichsverband eine nichtgewerbsmäßige Stellenvermittlung betreiben, die sich bemühte, der großen Arbeitslosigkeit unter den Mitgliedern Linderung zu verschaffen. Schon im Wintersemester 1933/34 fanden die ersten Sprachkurse in Spanisch, Portugiesisch, Französisch und Englisch in Berlin statt. Hier gelang es dann auch in den Emser Festsälen am 8. 10. 1934 die Volkshochschulkurse des Reichsverbandes für das Wintersemester 1934/35 mit einem einleitenden Vortrag von Oberstudiendirektor i. R. Landsberg über "Sinn und Ziel unserer Arbeit" zu eröffnen. Der Lehrplan enthielt wissenschaftliche und künstlerische Vorlesungen in gleicher Weise wie Sprach- und praktische Kurse sowie eine Reihe von Einzelveranstaltungen. Die Hörergebühren waren sehr gering. In Berlin, das an Mitgliederzahl die anderen Ortsgruppen um ein Mehrfaches übertraf, bildeten sich auch Sport- und Wandergruppen, die sich lebhaften Zuspruchs erfreuten.

Im Oktober 1934 wurde beschlossen, den etwas umständlichen Verbandsnamen in "Reichsverband der nichtarischen Christen" umzuändern. Vom Januar 1935 an erschien dann das "Mitteilungsblatt des Reichsverbandes der nichtarischen Christen" bis zum September 1936, in Druck und Umfang etwa wie "Die Mahnung". Auf der Titelseite jener Ausgabe hieß es: "Als Ergebnis der Verhandlungen zwischen den zuständigen Behörden und der Verbandsleitung ist der Name des Verbandes in "Paulus = Bund Vereinigung nichtarischer Christen e.V." umgeändert worden. Der bisherige Vorsitzende Dr. Dr. h. c. Heinrich Spiero, Berlin, ist von den Behörden als Leiter des Paulus-Bundes bestätigt worden. Die Zusammensetzung des Verbandes bleibt völlig unverändert." Seit dem Oktober 1936 lautete der Kopf des Blattes dann "Mitteilungsblatt für den Paulus = Bund Vereinigung nichtarischer Christen e.V.", unter dem es nach den mir vorliegenden Unterlagen bis zum Juli 1937 erschien. Auf der Titelseite dieser Ausgabe heißt es: "Durch eine Anordnung des Herrn Reichskulturwalters Hinkel vom 15. Juli 1937 führt der ehemalige Paulus-Bund den Namen: Vereinigung 1937."

Damit hatte eine Entwicklung ihren Abschluß gefunden, die bereits zum Jahresbeginn ihren Anfang genommen hatte. Durch Anordnung des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda vom 2. Februar 1937 war der Paulus-Bund angewiesen worden, diejenigen Mitglieder auszuschließen, die nach ihrer Abstammung nicht die Voraussetzungen des vorläufigen Reichsbürgerrechts erfüllten. Dadurch wurde die "Vereinigung 1937 e.V." zwangsläufig zu einer reinen Interessenorganisation der sogenannten "Mischlinge" im Sinne der Nürnberger Gesetze und ihrer Durchführungsverordnungen sowie derer "deutschblütigen" Angehörigen. Eine entsprechende Satzungsänderung, in der auch die Zugehörigkeit der Mitglieder zu einer christlichen Religionsgemeinschaft fallen gelassen wurde, erschien in der Ausgabe des Mitteilungsblattes vom April 1937. An die Stelle von Dr. Dr. h. c. Heinrich Spiero als Vorsitzender des Paulus-Bundes trat nunmehr Rechtsanwalt Friedrich-Karl, der entschlossen war, die rechtlichen Möglichkeiten der von ihm vertretenen Personengruppe voll auszuschöpfen. Die ehrgeizigen Pläne des Staatskommissars und Reichskulturwalters Hans Hinkel, der aus der von ihm im Dezember 1935 genehmigten Kulturabteilung des Reichsverbandes der nichtarischen Christen gern einen Misch1ings-Ku1turbund gemacht hätte, eröffneten neue Möglichkeiten der Mitgliederwerbung, an der ich selbst vom Spätsommer 1937 bis zum Frühsommer 1938 aktiv beteiligt war. In dieser Zeit kam es aber auch zum Zerwürfnis zwischen dem Propagandaminister Goebbels und seinem Reichskulturwalter Hinkel, dem vermutlich dessen eigenwillige kulturelle Bestrebungen auf dem vorgenannten Sektor zugrunde lagen. Mit dem Spätsommer 1938 waren die Weichen des Hitlerreiches dann eindeutig in Richtung auf militärische Ziele gestellt, denen sich alles unterzuordnen hatte.

Nach meinen Informationen beschlagnahmte die Gestapo bereits im Herbst 1938 die Mitgliederkartei der "Vereinigung 1937 e.V.", und die Berliner Geschäftsstelle soll danach auch nicht mehr gearbeitet haben. Jetzt begann< jedoch erst die eigentliche Bewährung ihrer Mitglieder und ihr Kampf ums eigene Überleben sowie das Überleben ihrer Angehörigen. Die Synagogenbrände und das damit verbundene Judenpogrom in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 setzten ein unübersehbares Fanal für den Ausrottungswillen der NSDAP und die Ohnmacht ihrer Gegner. Die Geschichte des verzweifelten Ringens dieser kleinsten Gruppen von "Mampes", wie sie sich selbstironisch untereinander titulierten, ist noch unbearbeitet — und vielleicht kommt es auch überhaupt nicht dazu. Aber sie wäre es wert, niedergeschrieben zu werden! Sie war voller Angst und Hoffnungen, voller stiller Hilfsbereitschaft und hektischer Betriebsamkeit, voll tragischer Ergebenheit und trotz alledem sogar noch mit einem Funken Humor erfüllt, der manche makabre Szene für einen Augenblick erhellte.

Als sich die Überlebenden des Zweiten Weltkrieges in der Viersektorenstadt Berlin wieder so weit aus den Ruinen herausgearbeitet hatten daß sie sich nach Freunden und Bekannten umsehen konnten, fanden sich einige dieser ehemals Rasseverfolgten in meiner Buchhandlung in Neu-Westend ein, und wir beschlossen, den "Verband der Opfer der Nürnberger Gesetze" zu gründen. Die Lizenz hierfür erhielt ich für den Britischen Sektor von Berlin von der Britischen Militärregierung am 4. Juni 1946. Sie war die Voraussetzung für das Gründungsprotokoll des Vereins, das, mit dem Untertitel "(vormals Vereinigung 1937)" versehen, beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg eingereicht wurde. Wir gedenken bei dieser Gelegenheit dankbar der verstorbenen Mitunterzeichner Herbert Bohm, F. T. von Donop, Johannes Scharlock und Kurt Traumann, die sich um diesen Verein durch ihre aktive Mitarbeit verdient gemacht haben. Zunächst richteten wir unser Hauptaugenmerk auf die Versorgung unserer Mitglieder mit den lebensnotwendigen Gütern und die Sicherung ihrer Entschädigungsansprüche. Bereits im Oktober l946 konnten wir in dem ersten "Rundschreiben — ODN" darüber berichten. Bald wurden die Räume meiner Buchhandlung zu eng, und so übersiedelte der Verband im Frühjahr 1947 in die Suarezstraße 2, wo ich vom 1.5.1947 bis 31.10.1947 als Generalsekretär des Verbandes tätig war. Ende dieses Jahres wurde dann der "Berliner Verband der Opfer der Nürnberger Gesetze (ODN)" durch die Alliierte Kommandantur gleichzeitig mit der "VVN" genehmigt. Die politische Entwicklung der geteilten Stadt machte es im Herbst 1948 nötig, die Satzung des Verbandes in der Weise zu ändern, daß neben rassisch Verfolgten auch politisch Verfolgte des Naziregimes als Mitglieder aufgenommen werden konnten. Seitdem hieß die Organisation „"Verband der Opfer des Nationalsozialismus (ODN)". Im Jahre 1950 beschloß sie dann, Landesverband Berlin des Bundes der Verfolgten des Naziregimes zu werden. Als Verbandsblatt wurde im September 1953 erstma1ig "Die Mahnung" herausgegeben, deren freier Mitarbeiter ich noch heute bin.