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Die Mahnung 52/7  1. Juli 2005

 

Lizzie Doron  Warum bist du nicht vor dem Krieg gekommen?

 

Ein wunderbares Buch, schreibt Mirjam Pressler, die Übersetzerin, und das ist eine Aussage, der sich der Leser nur anschließen kann. Ein zu kurzes Buch, das man nicht wieder aus der Hand legen möchte, ehe man es zu Ende gelesen hat, das sich wunderbar liest, Episoden aus dem Leben, die aber andererseits manchmal den Atem stocken lassen; und die ganz und gar bedeutend sind, indem sie von einer unfassbaren Vergangenheit zeugen. Das Buch lebt aus der Perspektive. Es ist die Perspektive der Tochter einer Holocaustüberlebenden, Helena, die erst nach dem Krieg nach Israel ausgewandert ist. Und es erschließt die ganze Problematik, die hierin steckt in komprimierter Weise, indem es pointiert die Episoden herausarbeitet, die eben durch diese spezifische Konstella­tion geprägt sind; an erster Stelle stehen die Kindheits­erinnerungen, aber diese Perspektive ist doch auch eine Flucht, denn ohne eine Reflexion wäre auch diese Perspektive nicht erzählbar gewesen. Lizzie Doron versteht es dabei unnach­ahm­lich, die Absurdität der Situationen auf eine geradezu atemberaubende Weise selbstver­ständlich darzustellen, als sei es anders nicht möglich – das Lachen muss einem daher im Halse stecken bleiben. Trotz der Trauer bleibt eine gewisse Heiter­keit, die sich aus dem Überlebthaben und der Existenz der Tochter generiert.

Lizzie Doron, geboren 1953 lebt in Tel Aviv. Das vorliegende Buch erschien 1998 und ist ihr Erstlingswerk. Es zeigt, dass sie eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe und einen Sinn für das Wesentliche hat. Die israelische Tageszeitung Ma’ariv schrieb: "Es gibt nur sehr wenige Bücher, die von der zweiten Generation geschrieben wurden, den Söhnen und Töchtern der Shoahüber­lebenden. Warum bist du nicht vor dem Krieg gekommen ist das Beste von allen." Es gehört inzwischen zu dem für die israelischen Schulen empfohlenen Lektürekanon. 2003 wurde Lizzie Doron mit dem von Yad Vashem vergebenen Buchman-Preis ausgezeichnet (Information des Verlages, Klappentext).

Das Buch zeigt immer wieder die Probleme auf, die speziell deutsche Einwanderer in Israel hatten: "Wenn sie Schnupfen hatte, sagte sie, es sei eine Stauballergie, und bei Fieber sagte sie, ihr Körper sei nicht an solch ein "asiatisches" Wetter gewöhnt, in jeder Entzündung sah sie eine Krankheit, die von Erinnerungen verursacht wurde, jede Grippe war der Ausdruck einer Sehnsucht, und ihrer Meinung nach litt sie an Kopfschmerzen weil sie Hebräisch sprechen musste. Alle Symptome, davon war sie überzeugt, waren lediglich ein Zeichen für ihre Schwierigkeiten, sich in einem fremden Land einzuleben… Einige sagten zu ihr, ihr Leben könne ganz anders sein, wenn sie nur deutsche Wiedergutmachung akzeptieren würde. Helena kochte vor Wut und machte klar, dass man aus Blut keinen Gewinn schlägt, und sie sei es sich schuldig, ehrenhaft zu leben, ohne milde Gaben und vor allem ohne Wiedergut­machungs­gelder. Und wenn sie von jemandem erfuhr, dass er Wiedergutmachung bekommen hatte – er war in Urlaub gefahren, hatte seine Möbel ausgewechselt oder eine Wohnung gekauft – setzte sie ihn auf ihre Liste der Unberührbaren" (84/85). Dies ist nur ein Beispiel für die Sturheit und Unversöhnlichkeit, die die Persönlichkeit Helenas auszeichnet – und sie einsam bleiben lässt. An anderer Stelle schreibt Lizzie Doron: "Helena vermengte Phanta­sie und Realität, Unbestimmtheit und Klarheit; sie löschte Fakten und schuf Tatsachen und baute sich eine eigene Welt. Ich schwöre“ (126). Es mag so sein, es kann aber auch anders sein, und die Einlassung „Wenn ich es nicht geschafft haben sollte, die ganze Wahrheit zu erzählen, oder wenn meine Auswahl nicht repräsentativ genug ist, bitte ich um Entschuldigung, denn die ganze Wahrheit wird man nie beweisen und nie widerlegen können. Das, was man gesehen hat, kann nie durch verbindliche und verlässliche Beweise gestützt werden" (126/127). Das ist eine Entschuldigung, die eigentlich unnötig ist. Lizzie Doron hat ein Buch geschrieben, das einen großen Beitrag zum Verständnis leisten kann. Die ausgezeichnete Übersetzung von Mirjam Pressler ist ein großes Glück für den deutschsprachigen Leser. Für einen breiteren Leserkreis wäre allerdings ein Glossar wünschenswert. Denn wer, der nicht gut mit der jüdischen Religion vertraut ist kennt, beispielsweise den Begriff Afikoman?

 

Doron , Lizzie Warum bist du nicht vor dem Krieg gekommen? Aus d. Hebr. v. Mirjam Pressler

JÜDISCHER VERLAG im Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main: 2004

ISBN 3633541993, EUR 16,80                                     

Nikoline Hansen